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Retorsionen hauptsächlich gegen Rußland und Österreich zu steigern, sie durch andereunfreundliche Maßregeln (Paßzwang, Nichtbeleihung russischer Papiere bei der Reichs-bank) immer härter zu gestalten. Freilich gelang Bismarcks Staatskunst dabei dasscheinbar Unmögliche, nämlich trotz der steigenden handelspolitischen Nadelstiche, die erihnen versetzte wie sie uns, den von Rußland seit 1887 drohenden Krieg abzuwenden,ja in leidlichen allgemeinen politischen Beziehungen zu Rußland zu bleiben. Dazuproklamierte er seine kühne, nachher von Platten Nachtretern oft wiederholte Theorie,daß man stets die allgemeinen und die handelspolitischen Beziehungen der Staatenuntereinander ganz getrennt behandeln müsse. Nur den größten Staatsmännern wirdDerartiges vorübergehend in Ausnahmefällen gelingen. Für gewöhnlich geht allgemeineund Handelspolitik Hand in Hand; in den meisten Fällen hat auch Bismarck die Handelspolitik als Mittel der allgemeinen Politik verwandt, jene dieser unter-geordnet.
In die letzten 10—11 Jahre der Bismarckschcn Regierung fallen auch einige weitereThatsachen von großer handelspolitischer Bedeutung, hauptsächlich der Erwerb deutscherKolonien und die Förderung der großen deutschen Dampfs chisfahrtslinien durchstaatliche Subventionen sowie die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Die beidenersten Maßregeln hängen zusammen; beide waren Abwendungen von seinem früherenStandpunkte. Dem Erwerb von Kolonien war er fo lange abgeneigt, als er annahm,die Deutschen würden infolge der liberalen internationalen Verträge überall, hauptsächlichin den englischen Kolonien, wirklich gleich behandelt. Als er immer wieder erfuhr,daß die Gleichheit mehr nur formelles Recht als materielle Gleichstellung bedeute, trater für den Kolonialcrwerb ein. Die Unterstützung der Dampferlinien sollte in ersterLinie der deutschen Post, dann auch dem direkten deutschen Export, dem Schutz undAnsehen der deutschen Kaufleute auf der ganzen Erde dienen. Beide Maßregeln ent-sprangen der Einsicht, daß die großen Wege des Handels nicht zu beschreiben sind,wenn nicht die staatliche Macht mithilft, im Hintergrunde steht. Die Eisenbahnver<staatlichung giebt der Gesamtheit die Tarifpolitik in die Hand, welche heute ein ebensoeinschneidendes Mittel der Förderung und Hemmung aller Produktionszweige ist wiedie eigentliche Handelspolitik.
Bismarcks Handelspolitik von 1879—1890 war im ganzen eine notwendigeund heilsame Wendung. Aber er hatte seit 1885 zu sehr den Kampfgedanken des altenMerkantilismus in sie hineingetragen, und als er abging m dem Moment, da es sichum eine Erneuerung aller Handelsverträge handelte, hinterließ er deshalb eine sürDeutschland peinliche und schwierige handelspolitische Lage. Die meisten Nachbarnwaren über Deutschlands Handelspolitik seit Jahren entrüstet, am meisten Rußland ,Österreich und Frankreich. Frankreich kündigte sür den 1. Februar 1892 alle seineVerträge, wesentlich aus Mißstimmung darüber, daß Deutschland auf Grund seinerewigen Meistbegünstigung ohne Gegengabe an cllen französischen Verträgen mit anderenStaaten teilnahm. Auch die anderen Staaten kündigten und erhöhten ihre Tarife.Deutschland stand vor der Gefahr, am 1. Februar 1892 in den meisten Staaten hohenGeneraltarifen zu begegnen, seine ziemlich stabile Ausführ vielleicht zu einem großenTeil zu verlieren. Allerwärts im Ausland hieß es, die autonome deutsche Handelspolitikwolle ohne Bezahlung an fremden Tischen mitessen, das müsse aufhören.
Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. und Caprivi entschloß sich rasch, mit derZollautonomie zu brechen, an die Spitze des europäischen Handelsvertragsfystems zutreten, so wie es 1860 und 1881 Frankreich gethan, wieder Meistbegünstigungsverträgemit Tarifkonzefsionen und Tarisbindung aus 12 Jahre zu schließen, zunächst mitÖsterreich-Ungarn, Italien, der Schweiz und Belgien , dann mit Rumänien, Serbien,Spanien, zuletzt auch mit Rußland und den Vereinigten Staaten (1891—1894). Nurso war dem drohenden allgemeinen europäischen Zollkrieg zu begegnen, war aus derallgemeinen andauernden gegenseitigen Schutzzollsteigerung, die allen internationalen Handelbedrohte, herauszukommen. Im Hintergrunde stand sogar 1390—1891 der Gedanke einesmitteleuropäischen Zollvereins, der bei Fürsten , Staatsmännern, Politikern ver-