Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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<ZZ6 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1094

schiedener mitteleuropäischer Staaten damals zuerst ernstlicher erwogen wurde, sich dannaber zunächst als unrealisierbar zeigte, schon weil alle Staaten von 18771890 sichdurch gegenseitige Zollstcigerungen verfeindet und erbittert hatten. Die einzelnen Staatenwaren im Augenblick zu egoistisch-schutzzöllnerisch, um sich mehr zu konzedieren alsfür zwölf Jahre die Bindung der wichtigsten Zölle und einige gegenseitige mäßige Zoll-herabsetzungen. Das war aber immer schon viel: die Hochflut handelspolitischer Feind-seligkeit kam zum Stillstand, die begonnenen oder drohenden Zollkriege wurden beseitigt(für Deutschland hauptsächlich der schlimme russische von 18931894), die internationaleTeilung der Arbeit, die große Kapitalauswanderung der reichen Staaten konnte wiederin Ruhe ans Werk gehen. Verträge über gerechte gegenseitige Eisenbahn-, Fluß-,Schiffahrts-, Veterinärpolitik schlössen sich den Handelsverträgen an.

Das Werk war auch in dieser Beschränkung kein leichtes. Die extremen Schutz-zöllner und Zollautonomisten griffen es in jedem Lande erbittert an; die Freihändlerbegrüßten es als neue Ära, waren aber allerwärts in der Minorität. Kaum warendie Verträge geschlossen, so erklärten die Deutschen sich von den Österreichern, diese vonden Deutschen übervorteilt. Die Hauptkonzession Deutschlands gegenüber seinenagrarischen Konkurrenten war die Herabsetzung der Getreidezölle von 5 auf 3,50 Mk.In Österreich überschätzt, war sie im Deutschen Reichstag nur möglich geworden, weilwir 1891 eine Teuerung hatten, die durch hohe Preise alle Agrarzölle überhaupt be-drohte. Sie wäre auch in der Folgezeit nicht so heftig von den Landwirten angegriffenworden, wenn nicht durch zufällige Ernte- und Welthandelskonjunkturen der Roggenpreispro 100 KZ 18911894 von 20,4 auf 11,8 Mk. gefallen wäre. Dadurch entstandin Deutschland der Bund der Landwirte und die heftigste agrarische Opposition gegen dieStaatsmänner, die die Verträge von 18911894 geschlossen hatten. Wie einstensbarbarische Völker ihre Könige wegen Ernteungunst oder Regenmangel totschlugen, sowissen heute noch europäische Oppositionsparteien Minister aus gleichem Grunde zustürzen. Wie Tirard in Frankreich fiel, so mußte Caprivi, v. Marschall, v. Bötticherder parlamentarischen Mißgunst der Konservativen und Schutzzöllner weichen; ihre Nach-solger führten sich mit unfreundlichen Worten gegen die Handelsverträge von 1891bis 1394 ein, um dann nach wenigen Jahren selbst doch wieder in eine ähnlicheHandelsvertragspolitik einzumünden; sie sahen bald, daß bei aller Neigung, die agrarischenZollwünsche zu befriedigen, ein ähnlicher Weg wie 18911894 in den Jahren 1901bis 1905 zu befchreiten sei.

Mögen die Handelsverträge von 18911894 nicht in jeder Beziehung voll-kommen gewesen sein, hätte man vielleicht besser den Tarif vorher revidiert, hätte manfür die Verhandlungen besser vorbereitet gewesen sein können, im ganzen waren sie docheinerettende That". Und die Epoche der Vorbereitung der neuen Verträge von 1897an, die unter dem Hochdruck schutzzöllnerischer Jnteressenagitation stattfand, dieserfast allein imwirtschaftlichen Ausschuß" das Wort gab, ließ lange eine sichereklare politische Leitung vermissen. Daß man an eine mäßige Erhöhung der Getreide-Zölle auf 56 Mk. dachte, war richtig; aber daß man eine Menge Rohstoffe im Ent-wurf hoch belegte, zahlreiche Erhöhungen ohne Not vornahm, zuerst in falscher Nach-ahmung des spanisch-französischen Vorbildes einen Maximal- und Minimaltarif aus-arbeitete, war falsch. Man steigerte so die extremen Schutzzollhoffnungen; es schien,als ob nicht die Regierungen, sondern die großen Wirtschastsverbände den Tarif ent-worfen hätten. Die Bindung der Regierung an einen Doppcltarif bei den Verhandlungenmit anderen Staaten wäre ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung gewesen, hätteden Schwerpunkt statt in die Regierung ins Parlament verlegt. Einige der schlimmstenFehler des Tarifentwurfes haben dann fchon der Reichskanzler und die Bundesstaatenkorrigiert. Die Verhandlungen des Reichstages über den Tarif, der fast ein Jahr langin derSchwätzerkommission", welche Bezeichnung sogar Paasche wiederholte, hin und her-gezogen und verschlechtert wurde, war eiu trauriges Schauspiel. Der Entwurf war zuletztgegen die maßlose Obstruktion nur in der verschlechterten und gesteigerten Form der Kom-mission, nicht in der der Regierung (Dezember 1902) zu retten. Die Beratung im Reichstag