644 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1102
daß neuerdings ein so energischer Freihändler wie Alfred Weber nieint, daß das Gesetz inTeutschland im 19. Jahrhundert durch die agrarisch-technischen Fortschritte verbilligenderArt ganz außer Krast gesetzt gewesen sei. Auch ich glaube, daß unsere deutschen Erntendurch bloße Rationalisierung des Betriebes heute noch ohne Verteuerung um 25—30,vielleicht gar mehr Prozent zu steigern sind, freilich nur durch Bildungsfortschritteunserer Landwirte, deren Herbeiführung nicht ganz leicht ist. Vollends die größere Billig-keit der Fabrikate alter Kulturländer trifft nicht zu. Man denke an die niedrigenProduktionskosten der amerikanischen gegenüber denen der europäischen Länder. Die ab-strakte Formel dieser zwei sogenannten Gesetze überzeugt daher niemand, der die Dinge— nicht bloß abstrakt — sondern in ihrem Detail verfolgt.
e. Viele der neueren Schutzzollargumente sind freilich ebenso schwach. So diebloße Verherrlichung der Autonomie und Autarkie, der absoluten wirtschaftlichen Selb-ständigkeit; kein Kulturstaat, und je kleiner er ist desto weniger, kann heute des Ver-kehres mit anderen Staaten entbehren. Nur so weit eS sich um unentbehrliche wirt-schaftliche Machtmittel, um solche Produktionszweige und Produkte handelt, deren kürzereoder längere Entziehung den Staat tödlich treffen könnte, hat der Gedanke, sich unab-hängig vom Auslande zu machen, Sinn. Die Verteidigung der Schutzzölle mit derFormel, daß alle gewerblichen, landwirtschaftlichen und sonstigen wirtschaftlichen Interessengleichberechtigt feien, gerechter Weise gleichen Schutz genießen müßten, enthält die Auf-hebung des Zweckes felbst: wenn jeder seine Arbeit oder Ware durch den Zoll gleich vielteurer verkauft, so gewinnt schließlich keiner. Die praktisch angewandte sogenannte Soli-darität (in England seit 1689, dann wieder 1816—1846, in Frankreich 1816—1356und seit 1887, in Deutschland von 1379 an) war stets ein Bündnis gewisser Groß-grundbesitzer und Großindustrieller, die im Parlament die Mehrheit der Stimmen fürsich zu gewinnen wußten. Untergehende Gewerbszweige dürfen nicht so geschützt werdenwie aussteigende, zukunftsreiche. Kein Land schützt heute die Rohstoffe der Industrieebenso wie die Fabrikate, Deutschland schützt die Fertigindustrie nicht so wie die derHalbzeuge. Der Rechtstitel für heutige agrarische Schutzzölle liegt nicht darin, daßheute oder früher bestimmte Industrien solche hatten, fondern darin, daß es eine Lebens-frage der Gesamtheit ist, unserer Landwirtschaft über den Stoß der internationalen,sicher einmal vorübergehenden Konkurrenz hinweg zu helfen.
Das zumal in Nordamerika viel gebrauchte Argument, daß Schutzzölle im Arbeiter-interesse seien, die Löhne steigerten oder in ihrer Höhe gegen die niedrigen europäischenLöhne hielten, ist zunächst häufig pharisäisch gebraucht worden, am meisten, uni 1890die Mac Kinleybill durchzusetzen, der bald ein starker Lohnsturz folgte. In Europa hat das Freihandelsland England den höchsten, das Hochschutzzollland Rußland dieniedrigsten Löhne. Dilke berichtet über seine Studien in Kanada und Australien , daßer die Schutzzölle weder als lohnerhöhend, noch als lohnerniedrigend gefunden habe.Jedenfalls sind meist andere Ursachen für die Lohnhöhe ebenso wichtig wie die Handels-politik, und innerhalb der Handelspolitik wird die richtige Anwendung von Freiheitund Schutz im einzelnen das Wesentliche sein. Aber das wird sich sagen lassen, daßdie intelligenten Arbeiter und ihre aufgeklärtesten Führer (in Deutschland z. B. Calwer,David, Schippel) mit Recht nicht mehr auf dem bloßen Konsumentenstandpunkt stehen,nicht mehr jeden Schutzzoll als verteuernd angreifen, sondern das Produktionsinteressemit abwägen; eine schutzzöllnerische Handelspolitik wird in den australischen Parlamentengerade durch die Arbeiter gefordert, weil sie sehen, daß sie zunächst auf die Förderungder Produktion zielt, die Arbeitsgelegenheit, die Nachfrage nach Arbeit vermehrt. Einesolche Politik, sofern sie ihr Ziel erreicht, kann auch eine Brot- und Fleischverteuerungmäßigen Umsanges erträglich, ja wünschenswert machen.
Was die amerikanischen Schutzzölluer Carey, Gaunton, Patten (der letztere lehrtan einer für den Schutzzoll gegründeten Universität) anführen, ist teilweife nicht neu, gehtaus Hamilton, List und andere zurück, teilweise ist es dilettantisch, subjektiv, widerspruchs-voll, enthält schiefe Generalisationen amerikanischer Verhältnisse. Patten behauptet, derFreihandel sei sür alternde Staaten, der Schutzzoll für dynamische, d. h. vorwärts-