Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Der theoretische Kampf um Agrar- und Industriestaat.

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schreitende; er beseitige die Grundrente und alle Monopole. Und doch hat kein Landseit 1860 solche Grundrentenbildung und solche gewerbliche Monopole (die Trusts)erlebt wie die Vereinigten Staaten . Diese amerikanischen monopolistischen Riesen-organisationen sind ja gerade eine der Ursachen, daß die europäischen Staaten, die keine sogroßen und starken Monopolorganisationen haben, sich durch Zölle gegen ihre Schleuder-preise und riesenhaften Spekulationen und Marktüberführungen schützen müssen.

ä. Hat sich so der theoretische Streit in der Handelspolitik vielfach in den altenGeleisen ziemlich unfruchtbar und einflußlos bewegt, so hat er größere wissenschaftlicheund praktische Bedeutung, ja einen großen Stil durch die KontroverseIndustrie- oderAgrarstaat" in Deutschland erhalten. Oldenberg hat zuerst in umfassender Weife undim Anschluß an die Statistik der deutschen Berufszählungen die Frage aufgeworfen, obes richtig sei, daß so viele Staaten sich heute in die Bahnen des überwiegenden Industrie-staates stürzen, die England seit 1840, Deutschland neuerdings verfolge: eine raschwachsende Bevölkerung, die zu 6V70 °/v (wie in England ) auswärtiger Nahrungsmittelbedürfe und diese nur durch steigenden Fabrikaten-, Kohlen-, Kapitalexport bezahlenkönne, riskire große politische und wirtschaftliche Gefahren; durch gleichzeitige Sperrender russischen und nordamerikanischen Zufuhr könne Großbritannien ohne Schwertstreichausgehungert werden. Es sei vor allem die Frage, wie lange eine solche Jndustrie-staatseutwickelung sich fortsetzen könne. Die Nahrungsmittelstaaten würden über kurzoder lang keinen Nahrungsüberschuß mehr haben, sich bald auch nicht mehr in Fabrikatenzahlen lassen; früher seien sie als Schulduerstaaten in Abhängigkeit von den kapital-starken gewerblichen Gläubigerstaaten gewesen; das Verhältnis werde sich mit der Zeitumdrehen, unter Umständen würden die Agrarstaaten ihre Schulden gegen die Industrie-staaten kassieren, zuletzt sie mit Abhängigkeit und Ruin bedrohen. Deutschland dürfenicht denselben falschen Weg gehen wie Großbritannien ; es müßte bei Zeiten umkehren,seine Landwirtschaft erhalten, in seiner Steigerung der Exportindustrie Maß halten. DieZeichen des Industriestaates seien Verarmung des Gemütslebens, immer ungleichereVerteilung der Güter, Unmöglichkeit, dauernd eine gesunde Socialpolitik zu treiben,einseitige Herrschaft des Kapitals, ungesunde Bevölkerungssteigerung und anhäusungin den Städten und Jndustriebezirken.

Diese mit Geist und pessimistischer Übertreibung vorgetragenen Gedanken fanden beiBallod, P. Voigt, A. Wagner, Pohle und anderen teils modifizierte Zustimmung, teils weitereAusführung; die praktifche Folgerung, die Oldenberg übrigens ganz zurückgestellt hatte,war in der Hauptsache die Forderung ausgiebiger ja hoher Agrarzölle, Hemmung derstarken Jndustriezunahme und des Arbeiterabflusses nach den Städten und Gewerbe-centren. Brentano, Dietzel, Huber, Helfferich, Alfred Weber , Fr. Naumann traten derThatsachenschilderung wie den Folgerungen entgegen, suchten zu zeigen, daß die Gefahrennicht bestünden, daß in den nächsten Generationen die Industriestaaten immer leichtsremdes Brot und auswärtige Märkte für ihre Manufakte fänden, daß eine möglichsteSteigerung der internationalen Arbeitsteilung gerade in dem SinneBrot gegenFabrikate" den Reichtum aller am besten steigere, keine einseitige, sondern nur stetsgegenseitige Abhängigkeit erzeuge.

Aus beiden Seiten wurde mit großen Gesichtspunkten und mit einem breitenThatsachcnmaterial gekämpft. Der Streit hat nach allen Seiten aufklärend gewirkt.Man hat sich nach den ersten gegenseitigen Übertreibungen vielfach genähert. Die Ver-teidiger der Agrarzölle versichern jetzt, daß sie Deutschland nicht zum reinen Agrarstaatzurückschrauben wollen, die des Industriestaates, daß sie mäßige Agrarzölle, wie bisher,nicht verwerfen. Der Erfolg der Streitschriften ist eine Untersuchung der Parallel-bewegung der Berufsstatistik und der Handelsverschiebungen, eine genauere Prüfung derExportindustrien, ob sie gesund oder ungesund seien, eine Erörterung darüber, ob an dieStelle des Handels nach der FormelFabrikate gegen Nahrungsmittel" nicht vielmehrein solcher treten könne nach der FormelFabrikate gegen Fabrikate, Nahrungsmittelgegen Nahrungsmittel". Man hat ganz anders als bisher auf genauer geographisch-volkswirtschaftlicher Basis und mit Zugrundelegung der einzelnen Industrie- und Land-