64ü Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1104
Wirtschaftszweige die Möglichkeiten der Nahrungsmittelzufuhr und der Fabrikatenausfuhrund die daran sich küpfenden Folgen geprüft.
Auf solchen sichereren Grundlagen wird man praktisch wenigstens leichter zu dennotwendigen Kompromissen kommen. Man wird für Deutschland in der Agrarzollfragesagen müssen: wir wollen möglichst unsere Landwirtschaft erhalten, die Masse der selbst'wirtschaftenden Grundeigentümer und Pächter vor dem Bankerott schützen; wir müssenals Kompromiß die Zollhöhe so bemessen, daß ohne starke Verteuerung der Lebensmittelund ohne Erhöhung der Grundrente doch die Landwirte bestehen können, und zugleich durchden bleibenden Preisdruck ein gewisser Impuls erhalten bleibe, durch technische Fort-schritte besser und mehr zu produzieren. Wir werden am leichtesten eine solche Zoll-politik rechtfertigen können, wenn die Regierung durch starke bäuerliche Kolonisationzeigt, daß die Zollerhöhung nicht wesentlich im Dienste der reichen Großgrundbesitzergeschieht.
Im übrigen wird von den streitenden Parteien im Kampf um „Agrar- undIndustriestaat" sich theoretisch keine den Sieg allein zuschreiben können. Es handeltsich um Zukunftsmöglichkeiten, um Entwickelungstendenzen, die in jedem Staate durchpolitische und wirtschaftliche Ursachen aller Art beeinflußt werden, die für Deutschland auch nicht allein durch etwas höhere oder niedrigere Agrarzöllc sicher zu dem einenoder anderen Ziele führen. Einen Niedergang der Landwirtschaft wie England werdenwir nicht erleben, und ein Industriestaat bleiben wir, wie auch unsere Agrarzölle aus-fallen werden.
Wichtiger für die Sicherstellung der Ernährung der dichtbevölkerten Industriestaatenals die Zölle werden in nächster Zeit die Zollunionen, der Imperialismus, das Verhältniszu den Kolonien sein. Wir sahen schon, daß der Plan Chamberlains die ErnährungEnglands durch den Reichszollverein sicher stellen will; Frankreich hat in Algier seineKornkammer. Für Deutschland würde ein mitteleuropäischer Zollverein, der Ungarn ,Rumänien und vielleicht weitere Teile der Balkanhalbinsel umfaßte, wenigstens in er-heblichem Maße die nötigen Mehrgetreidezufuhren erleichtern.
Die letzte Frage der heutigen Handelspolitik betrifft so die ganze Gestaltung der neuenZollgrenzen auf der Erde überhaupt. Die fortschreitende internationale Arbeitsteilunghat wieder, wie oftmals srüher, die Frage aufgerollt, inwieweit können Länder undGebiete, die sich wirtschaftlich gegenseitig dringend bedürfen, verschiedenen, unter Um-ständen feindlichen Staatsgewalten angehören? Alle Umwandlung der Klein- in Groß-staaten, alle ältere und neuere wirtschaftliche Bundespolitik wurde von solchen Ursachen(vergl. I 236—87) beherrscht. Wenn Dutzende und Hunderte von Kleinstaaten ebensoleicht einen großen Verkehr entwickeln könnten, so wären einstens der attische Seebundund das Römische Reich , im 19. Jahrhundert der Zollverein, heute der kanadische undaustralische Zollverband nicht entstanden, so wäre nicht immer wieder die starke Tendenzder größten Mächte auf Welthandelsherrschast vorhanden.
Die zwei Wege, politische Eroberung und Bundespolitik (Zollverein) wollenzuletzt dasselbe: die rechtlich gefestigte Herstellung immer größerer, freierer Markt- undVerkehrsgebiete. Auf dem ersteren wandelten unsere heutigen Riesenmächte; aus demletzteren entstand Deutschland , wird vielleicht ein mitteleuropäischer Zollverein entstehen.Wir erwähnten, daß 1880—1894 mancherlei Stimmen für ihn sich erhoben. Von daan ist der Plan hauptsächlich durch die wachsende Schutzzollagitation so in den Hinter-grund geschoben worden, daß es eine Zeitlang den Anschein hatte, nur Gelehrte seien nochsür denselben. Die drei großen Weltmächte stehen ihm natürlich feindlich gegenüber; dieEifersucht und Kurzsichtigkeit der kleinen wird das noch größere Hindernis sein. Nureine ganz große und kühne, dabei zugleich maßvolle, die kleinen Staaten schonende undschützende Politik (vergl. oben S. 637) könnte dasZiel erreichen. Vielleicht am ehestendurch allerlei Übergangsstadien. Jedenfalls müßte man zunächst den teilnehmendenStaaten ihre Finanz- und gewisse Jndustriezölle als Reservatrechte lassen. Die Wahr-scheinlichkeit, daß er zu stände kommt, erscheint heute nicht groß. Sicher ist aber, daßdann auch die handelspolitische Lage der mitteleuropäischen Staaten eine immer