1101^ Würdigung der heutigen Schutzzollära, die Argumente dafür und dagegen. 643
Aber zunächst fragt es sich freilich, inwieweit diese Mäßigung vorhält; die ent-gegenstehenden Klassen-, Partei-, Nationalinteressen, der Chauvinismus und Eroberungs-geist, die Finanzverlegenheit der Finanzminister drängen zu Rückfällen in die Über-treibungen des Merkantilismus. Die Fanatiker des Schutzzolles halten heute jedenZollkrieg für nützlich, jede Zollerhöhung an sich für segensreich. Die großen Interessen-Verbände treiben eine Agitation, deren Erfolg weniger von der Wahrheit der Argumente,als von ihren Geldmitteln abhängt. Die Parteien, die Parlamentsmajoritäten werdenvon Stimmungen und Einpeitschungen beherrscht. Nur wo große, fernblickende, ziel-bewußte Staatsmänner die Leitung behalten und dabei die Volksmasse hinter sich haben,kommt Gutes heraus. Die Wissenschaft wird nicht viel gehört. Sie weiß freilich auchheute noch in vielen ihrer Vertreter nur zu wiederholen, was einst Adam Smith 1776 und Friedrich List 1825—1848 unter ganz anderen Voraussetzungen gesagthaben.
d. Die freihändlerische Partei, deren Sache heute in Deutschland wesentlich durchBrentano, Conrad, Lotz, Dietzel, Alfred Weber und den Abgeordneten Gothein ver-treten wird, hatte alle Ursache, gegen die Übertreibungen der Schutzzöllner sich zuwehren. Aber ihr Erfolg in der Öffentlichkeit war gering, doch wohl mit dadurch,daß sie zu dogmatisch und abstrakt verfuhr, zu wenig der heutigen weltwirtschaftlichenKampfessituation Rechnung trug. Gewiß waren einige ihrer Vertreter gebildet genug,die Berechtigung von Erziehungs-, Notstands- und Krisen-, auch Retorsionsschutzzöllenunter Umständen zuzugestehen. Brentano hat 1889 (später allerdings nicht mehr) diedeutschen Agrarzölle verteidigt. Conrad und Lotz haben die Agrarzölle von 1892 jetztnicht herabsetzen wollen. Im übrigen ist und bleibt ihr Hauptargument der Kon-sumentenstandpunkt, die Klage, daß Schutzzölle die Waren verteuern. Sie über-sehen dabei, daß das Produzenteninteresse gleichberechtigt und sür die Klassen- undParteiorgane das dringlichere, das akute ist, und daß die Betonung der momentanenVerteuerung durch Schutzzölle nicht ausreicht. Der Staat muß immer ebenso sehr odermehr auf die nationale Zukunft, auf die Entwickelung des Ganzen als auf die augen-blickliche Preis- und Marktlage sehen.
Das andere Hauptargument der Freihändler ist der Vorteil der internatio-nalen Arbeitsteilung, wie ihn A.Smith entwickelt hat. Sie haben damit ganzrecht; sie übersehen nur, daß im nationalstaatlichen Interesse es zeitweise mehr liegenkann, die vielfach auch heute noch fehlende und doch natürlich und politisch angezeigtenationale Arbeitsteilung mehr zu fördern; sie ist, je größer die Staaten werden, destohäusiger noch unvollkommen und doch die Voraussetzung des inneren festen Zusammen-haltes der Staaten. Eine Hauptstütze für den Beweis, daß jede internationale Arbeits-teilung förderlich sei, finden heute Dietzel, Brentano und andere in der Formel, daß inden Kulturstaaten der Gegenwart die landwirtschaftliche Produktion dem Gesetz der ab-nehmenden, die industrielle dem Gesetz der zunehmenden Erträge unterliege. Sie wollendamit sagen, in dicht bevölkerten Kulturstaaten sei eine große Mehrproduktion vonNahrungsmitteln nur mit rasch wachsenden Kosten und unter Zahlung immer höhererGrundrente, also unter starker Verteuerung des Lebens möglich, während in denselbenStaaten die Mehrproduktion von Fabrikwaren infolge des Großbetriebes, der technischenFortschritte und der unbeschränkten Ausdehnungsfähigkeit der Gewerbe leicht und immerbilliger möglich sei. In den Agrarstaaten mit Bodenüberfluß und geringer Grundrenteverhalte es sich umgekehrt, also gewännen Agrar- wie Industriestaaten, wenn jene ihrbilliges Getreide gegen die billigen Fabrikate dieser tauschten. Hindere man diesen Tausch,so vermindere man den Wohlstand beider. Wir kommen auf die Frage Agrar- undIndustriestaat nachher zurück, hier wollen wir nur bemerken, daß diese Lehre in ilivsi richtigist, in xraxi aber wenig beweist, wenn man nicht konkret im einzelnen nachweist, obund inwieweit diese zwei sogenannten Gesetze, d. h. durchschnittlichen Bewegungstendenzen,denen so viele Ursachen kreuzend und aufhebend entgegenwirken, sich gerade jetzt in deneinzelnen Ländern geltend machen. Wir haben S. 439—449 schon die Schranken an-geführt, denen das Gesetz der abnehmenden Bodenerträge unterliegt. Wir fügen bei,
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