656 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1114
steigen, Blüte und Verfall der einzelnen Völker sagen können. Beides sührt unszugleich auf die Einteilungsversuche, welche die Geschichte der Menschheit und dereinzelnen Völker durch ein Schema von Entwickelungsstufen begreiflich machen wollen.Die Einteilungsprincipien sind teilweise specifisch wirtschaftlicher, teilweise allgemeinerArt; auch im letzteren Falle aber wollen sie die wirtschaftliche Seite des Völkerlebensneben den anderen mit erklären.
273. Allgemeine historische Entwickclungstheorien. 1. Mechanische.Wir teilen diese Versuche am besten darnach ein, ob sie von den materiellen Elementenwie Natur, Rasse, Technik ausgehen und fo das Aufsteigen der Menschheit, die Blüteder Kulturvölker erklären wollen, oder ob sie umgekehrt von den geistigen Elementenaus versuchen, den Entwickelungsprozeß zu erklären. Das erstere ist die mechanische(materialistische), das letztere die idealistische Methode. Wir bleiben zunächst bei denmechanisch-materialistischen Theorien.
Zu ihnen gehören auch die Betrachtungsweisen, welche aus Klima, geographischerLage, Bodcubcschaffcnheit die Schicksale der Völker ganz oder überwiegend ableitenwollen. Derartiges versuchten schon die Alten; dann haben Montesquieu , Herder undandere diese Versuche wiederholt. Wir haben die begrenzte Richtigkeit solcher Lehren(I Z 52—57) nachzuweisen versucht; haben uns dabei auf den Standpunkt von Ritterund Ratzel gestellt, die alle diese Einflüsse zugeben, aber auch zeigen, wie sie zumal beihöherer Kultur nicht allein ausschlaggebend sind, jedenfalls nicht die Entwickelung dereinzelnen Völker vom Änfang bis zu ihrer Blüte und ihrem Verfall, die ja alle untergleichen äußeren Naturbedingungen sich abspielen, erklären und ebenso wenig über denZusammenhang der sich folgenden Kulturvölker einen befriedigenden Aufschluß geben. AuchBuckle, der weitgehend aus Reis und Datteln die Geschichte Indiens und Ägyptens ableiten will, betont doch, daß bei den neueren Kulturvölkern der geistige Fortschrittdie Hauptsache sei. Ein allgemeines Entwickelungsprincip der Völker findet zwar heutenoch Mongealle in der Geographie, aber er ist ein einsamer Sonderling; auch unterden gebildeten Geographen findet er keine Nachsolge.
b. Wesentlich höher schon steht der Versuch, den Gang der menschlichen Kultur-cntwickelung an die Rassen, ihre Unterschiede und ihren Rang anzuknüpfen. Er istfreilich ein Versuch, der nicht bloß Natürliches, sondern ebenso die geistigen, moralischenEigenschaften der Rassen und Völker zum Ausgangspunkt hat. Wir haben oben(I § 58—67) den Zusammenhang zwischen Rasse und Volkswirtschaft untersucht und dieBedeutung dieser Einflüsse zu bestimmen gesucht; wir haben angenommen, daß in ge-wissen körperlichen und geistigen Rasseeigenschaften gleichsam ein über Jahrtausende sicherstreckender Nicderschlag historischer Schicksale und körperlich-geistiger Fortschritte stecke,und daß deshalb die Rasseeigenschaften stets für die Weiterentwickelung ein eminent wich-tiger Faktor seien. Aber wir nahmen an, sie wirkten eben als eine Art Kondensations-instrument, das auf die dahinter stehenden Ursachen zurückweise. Wir verweilen um soweniger länger hiebei, als die einschlägigen Probleme noch zu wenig untersucht undüberaus strittig sind.
v. Die ältesten und heute noch verbreitetsten mechanischen Versuche, die ganze wirt-schaftliche Entwickelung des Menschengeschlechtes als eine Einheit zu begreifen, knüpfenan die äußeren sichtbaren Fortschritte der Technik an. Entweder an die Entstehung dertechnisch geschiedenen Hauptproduktions- und Berufszweige, oder an dieeinzelnen Mittel und Methoden der Technik oder an die technische Art desVerkehrs.
Schon die Griechen und Römer fchieden einen okkupatorifchen Naturzustand vomHirtenleben und vom Ackerbau. Die Neueren sind ihnen darin gefolgt, indem sieeine Gewerbe- und Handclsstufe beifügten. Damit hat List seine historische Schutzzoll-theorie begründet; Schönberg hat neuerdings noch als Wirtfchaftsstufen unterschieden:das Jäger- und Fischer-, das Hirten- oder Nomaden-, das seßhafte reine Ackerbauvolk,das Gewerbe- und Handelsvolk, das Jndustricvolk. Die deutschen handelspolitischenStreitigkeiten über Ägrar- und Industriestaat haben wir oben kennen gelernt (S. 645).