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Socialistische Geschichtskonstruktion. Mainc, Spencer, Lamprecht.
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lismus auch die Staaten auflöst, schwächt, die Individuen in Egoismus untergehenläßt. Er übersieht die anderweit mitwirkenden Ursachen der Staats- und Gesellfchafts-bildung, er ist sich nicht bewußt, wie sehr er bei seiner Verherrlichung des friedlichenGcsellschaftstypus in der Tagesmeinung des englischen Manchestertums stecken ge-blieben ist.
A. Seit den letzten zehn Jahren haben zwei jüngere deutsche Historiker große An-läufe genommen, im Gegensatz zur alten idealistischen und politischen Geschichtsschreibungvon einem realistisch-kulturgeschichtlichen Standpunkt aus die Geschichte der Menschheitals ein Ganzes zu begreifen und nach einheitlichen Gesichtspunkten, Begriffen, Ursachen-reihen sie einzuteilen: Lamprecht und Breysig.
Der erstere hat seinen Standpunkt als einen kollektivistischen gegenüber dem bisherigenindividualistischen bezeichnet. Er hat mit jugendlicher Kampfeslust Ranke und seine An-hänger angegriffen, sich als den Reformator der ganzen Geschichtsschreibung, die er mitseiner Methode erst zu Wissenschastlichkeit und zu Begriffen erheben werde, eingeführt.Die Einteilung, die er zuerst seiner deutschen Geschichte zu Grunde legte, waren diewirtschaftlichen Von List und Hildebrand (S. 656—7), aber mit zwei Beigaben; er fand,daß jede der größeren Epochen in eine erste socialistische und eine zweite individualistischeHälfte zerfalle: z. B. die Ackerbauperiode ist in der Zeit der Mark- und Dorf-genossenschaft socialistisch, in der der Grundherrschaft und des bäuerlichen Sondereigensindividualistisch. Und er versuchte dann von seinem wirtschaftsgeschichtlichen Stand-punkt vorzudringen zu der Erfassung der geistigen Züge, welche die letzten Ursachendieser Epochen seien. Die letztere Tendenz hat er dann weiter verfolgt und ist so zueinem Doppelschema geistiger und wirtschaftlicher Einteilung der deutfchen und inanaloger Weise aller Geschichte gekommen. Einer seiner Kritiker hat sie kurz so zu-sammengefaßt:
AS "Nimbus
MaterielleKultur
Urzeit
Kollektivistisch-okkupatorischeWirtschaft
Symbolismus
vor Säk. 10
Jndivi-dualistisch-okkupatorischeWirtschaft
Typismus
>
Konventio-nalismus
Indivi-dualismus
Geldwirtschaftmit gemein-schaftlicherBewältigungdes Handels
Subjekti-vismus
Geldwirtschaftmit individua-listischerBasis.
Säk. 10—13 Säk. 13—16 Säk. 15-18 Säk. 19.
Naturalwirt- Naturalwirt-schaft mit schaft mit indi-
kollektivisti- vidualistischem
schein VorgehenVorgehen
Auch Freunde und Anhänger Lamprechts haben in den Schlagworten, mit denener geistig die Epochen charakterisiert, nicht die letzten Ursachen aller historisch-gesellschaft-lichen Erscheinungen finden wollen; sie erklären jedenfalls Recht, Verfassung, Klassen-verhältnisse, Betriebssormen der einzelnen Epochen nicht; es sind Benennungen, dieüberwiegend dem Kunst- und Gemütsleben abgelauscht sind. Und Lamprecht hat sie inseiner neuesten deutschen Wirtschastsperiodisierung auch nicht mehr zum Ausgangspunktgewählt; er hat hier die psychologische Distanz zwischen Bedürfnis und Befriedigung, ihrWachstum und ihre Projektion in die Welt der Betriebsformen hinein in den Mittel-punkt gestellt: Urzeit und Stammcszeit, älteres und späteres Mittelalter, neue undneueste Zeit werden ihm zu Doppelpaaren von Zeitaltern, in welchen subjektiv Bedürfnisund Genuß auseinander treten, durch die Mittelglieder von Überlegung, Gedächtnis,Wertvorstellung getrennt und verbunden werden, wahrend ebenso in der Welt der realenwirtschaftlichen Prozesse Produktion und Konsumtion durch Arbeitsteilung und Verkehrgeschieden und wieder vereinigt werden. In dem ersten Paar jener Zeitalter herrschtnach Lamprecht der Konsument, in dem zweiten der Produzent, in dem dritten derHändler und Unternehmer; in der neuesten Zeit geht die sreie Unternehmung in diedurch Kartelle und andere Einrichtungen gebundenere über, wodurch Ruhe und Gleich-maß wieder in die Kämpfe und die Überspannung der Gegenwart komme. — Lamprecht