Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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gg4 Viertes Buch. Die Entwickelung des voltswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

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zeigt hier wie stets, daß er glänzend und geistreich schildern, auch alte, von anderenvorgetragene Wahrheiten in neuer Formulierung vortragen, in neue Beleuchtung rückenkann, daß er die letzten Probleme groß und tief anzufassen versteht. Aber er zeigt auch,daß er die Fülle seiner Gesichte nicht recht ausreifen läßt. Wenn er alle paar Jahreeine neue Formel der weltgeschichtlichen Entwickelung giebt, so kann er damit gewißimmer neu anregen, aber er diskreditiert selbst feine älteren Theorien.

Breysig geht im Anschluß an Gedanken, wie sie schon Droyfen, Nitzsch, dannEduard Meyer und andere ausgesprochen, von der Vergleichung der Geschichte dergriechischen, römischen und germanischen Völker aus; er findet bei ihnen eine im ganzenübereinstimmende Entwickelung! Urzeit, Altertum, frühes und spätes Mittelalter, neueund neueste Zeit dieser Völker verläuft für ihn in ziemlich analoger Abwandlung politischerund wirtschaftlicher Institutionen; und dazu gesellt sich ihm eine entsprechende Ent-wickelung des Glaubens, der Kunst, der Wissenschaft und der Litteratur. Und zu diesenparallelen Epochen der Völkergeschichte, sowie zu den in derselben Epoche neben einandervorkommenden Erscheinungen des politischen, wirtschaftlichen, kirchlichen, künstlerischen,wissenschaftlichen Lebens sucht er nun die einheitlichen psychologischen Ursachen und findetsie in dem geistigen Gegensatz, welcher jede Menschenseele erfüllt und sich ausdrückt inden Formeln: ich und die Welt, ich und die anderen, ich und die Natur, ich und Gott.Daraus läßt er die zwei neben und gegen einander wirkenden Seelenkräfte, den Persön-lichkeits- und Gemcinschaftsdrang, den Herrschafts- und den Hingcbungstrieb hervorgehen,die in allen möglichen Nuancen und Verbindungen vorkommen, wobei der eine immerzugleich Spuren des anderen mitenthält. Aus diesen Elementen hofft er die Seele, denCharakter, die Atmosphäre jedes Volkes und jeder Zeit erklären, alle Seiten ihresHandelns wie ihres Schauens, ihres Willens wie ihrer Phantasie, zuletzt ihrer Gefühle ab-leiten, die Institutionen als notwendige, in gleichmäßiger Abfolge kommende und gehendebegreifen zu können.

Zunächst freilich ist Breysigs Augenmerk ganz überwiegend darauf gerichtet, das Über-einstimmende in den politischen und wirtschaftlichen, kirchlichen, künstlerischen und wissen-schaftlichen Entwickelungsreihen des Altertums und der neuen Zeit unter Zurückstellung desAbweichenden zur Darstellung zu bringen. Er ist nicht Kollektivist wie Lamprecht, ererhebt mit Nietzsche die großen Männer als die Leuchten und Ecksteine der Zeiten. Erräumt Wohl der Versassuugs- und Wirtschaftsgeschichte eine Art kausalen Vorranges vorder geistigen Geschichte ein; der handelnde Mensch bestimmt in erster Linie nach ihm dieGeschichte; aber er ist doch ein entschiedener Gegner des ökonomischen Materialismusvon Marx. Seine Geschichtsparallelen gehören zum Lehrreichsten, was neuerdings auf demGebiete vergleichender Staatengeschichte geschaffen wurde, und seine Antithese von Per-sönlichkeits- und Gemeinschaftsdrang trifft sicherlich den Centralpunkt menschlichen Seelen-lebens. Individuum und Gemeinschaft sind in ähnlicher Weife auch früher oft als diezwei Pole alles Seelen- und Gesellschaftslebens bezeichnet worden. Sie bilden aber erstdann eine tragfähige Unterlage der Geschichtserklärung, wenn sie als Elemente einerwissenschaftlichen Psychologie überhaupt und einer psychologischen Geschichte nachgewiesenwerden. Daran scheint es mir bis jetzt bei Breysig zu fehlen.

Ii. Zuletzt sei die Geschichtstheorie eines bedeutenden russischen Socialisten erwähnt,des Peter Lawrow. Der Fortschritt der Menschheit besteht für ihn in der physischen,intellektuellen und moralischen Entwickelung des Individuums, die in letzter Linie einepsychologische ist; sie wird herbeigeführt durch kritisches Denken, durch das Bewußtfeinder Individuen in Bezug auf den Fortschritt, durch den aufopfernden Kampf der voran-geschrittensten Individuen für Wahrheit und Gerechtigkeit, der die höheren Formen derGesellschaft erzeugt, die höheren Formen der sittlichen Solidarität herbeiführt. Seinletztes Ziel ist socialistisch : die geistigen Führer müssen sich mit den arbeitenden undleidenden Massen verbinden, um eine dauernde höhere Kultur zu schaffen; nur indemdie Volksmasse sich an der höheren Civilisation beteiligt, kann diese selbst sichergestelltwerden. Aber Lawrow giebt zu, daß die Mehrheit zuerst eine glückliche Minderheitauf die Schultern nehmen mußte, um voran zu kommen. Er giebt zu, daß alle älteren