Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
665
Einzelbild herunterladen
 

1123)

Geschichtstheorie von Breysig und Lawrow.

005

kleinen Staaten gegenüber Nachbarn und Feinden zu schwach waren, deshalb sich ver-größern mußten, daß dies nur durch eine starke Staatsgewalt mit hartem Zwangscharaktermöglich war. Mit dieser Vergrößerung und diesem Zwangscharakter, sowie mit derHerrschaft von kleinen Minoritäten entstanden nun stets die inneren Ungleichheiten undUngerechtigkeiten, entwickelte sich die Klassenherrschaft. Die sittliche Solidarität primitiverArt verschwand; die so mißbildeten Staaten mußten durch innere oder äußere Stürme zuGrunde gehen. Immer neue Versuche der Staatsbildung und Gesellschaftseinrichtungmußten kommen, wobei nach und nach die bloße Überlieferung und Sitte, die bloßenMachtinteressen zurücktreten gegenüber der moralischen Macht der Wahrheit und Ge-rechtigkeit, wobei das Monopol der herrschenden Klasse auf politische Gewalt, Reichtumund Gedankenarbeit gemildert, zuletzt gebrochen wird; dabei schieben sich zunächst gesell-schaftliche Zwischenschichten zwischen die Herrschenden und die leidende Masse ein, höherepolitische Formen, verbesserte Ideale, Kunstformen, Religionen, wissenschaftliche Systemeentstehen. Zuletzt wird der Egoismus so ausgeklärt, daß er den höchsten Genuß in derPflichterfüllung, im socialen Fortschritt findet; alle Menschen werden zur Arbeit verpflichtet,das Private Eigentum wird abgeschafft. Die socialistische Gesellschaft ist das Resultat einerökonomischen ebenso wie einer politisch-moralischen und intellektuellen Evolution. Der höherausgebildete Mensch nimmt in seiner allgemeinen Weltanschauung den ganzen Prozeß derGeschichte in sich auf, und damit entsteht in ihm ein Maßstab des Fortschrittes, eine Kraftdes socialen Ideals, so daß die volle Solidarität möglich, eine vollendete Wissenschaft,Philosophie, Kunst, eine Beseitigung aller falschen Ideale und Institutionen möglich wird;es bildet sich eine Gesellschaft gleicher, durch übereinstimmende Interessen und Über-zeugungen verbundener und unter gleichen Kulturbedinguugen lebender Personen, die mög-lichst alle trennenden und feindlichen Affekte, den Kampf ums Dasein untereinander inallen seinen Gestalten beseitigt haben.

Der Nüchterne wird diese Hoffnung als eine Utopie betrachten. Aber der Ge-schichtskundige wird dieses Bild des fortschreitenden Sieges der Gerechtigkeit und Wahr-heit nicht ohne Teilnahme und Hochachtung in sich ausnehmen. Er wird in ihm mehrhistorische Wahrheit finden als in Marx' Klassenkampf- und Geschichtskonstruktion,die übrigens Lawrow nicht als ihm widersprechend, sondern als äußerliche Teilerscheinungdes Von ihm geschilderten großen geistigen Prozesses betrachtet. Läßt man die socialistischenSpitzen weg, so ist Lawrows Theorie in ihren Grundzügen nicht gar so wesentlich ent-fernt von Lessings Erziehung des Menschengeschlechts, von Hegels Sieg des objektivenGeistes, von Rankes Jdcenlehre,

Wir verlassen diesen flüchtigen Überblick über die Periodisierungstheorien undgenetischen Erklärungsversuche der ganzen Menschheitsgeschichte mit der Empfindung, daßdie Wissenschaft auf ihrer heutigen Stufe nicht wieder davon lassen kann, solche Ver-suche zu machen, daß es sich aber bis jetzt doch mehr um wissenfchaftliche Versuche, teil-weise mehr um teleologische Deutungsversuche, als um sür immer gesicherte Wahrheitenhandelt. Mögen Empiriker und Specialisten sie deshalb scheel ansehen, eine Annäherungan die Wahrheit enthalten sie doch. Und sie sind nicht so grundverschieden, wie sie er-scheinen. Teilweise benennen sie gleich Gedankengänge mit verschiedenen Namen;teilweise unterscheiden sie sich nur dadurch, daß die eine Gruppe das Innere, die anderedas Äußere zusammenhängender, ja identischer Erscheinungen zum Principe der Er-klärung macht; der eine faßt die psychische Seite oder den Geist der Institution, derandere die Institutionen von ihrer wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und klassen-geschichtlichen Seite. Alle möchten einheitliche Formeln finden, monistisch und nichtdualistisch die Dinge erklären; sie übersehen nur, daß dieses höchste Ziel heute Wohlnoch nicht erreichbar ist.

Wir wollten in unserem Grundriß uns nicht so hoher Dinge unterfangen. Derganze Schwerpunkt seiner Darstellung liegt in dem Streben, zunächst die einzelnenwichtigen Entwickelungsreihen des volkswirtschaftlichen Lebens psychologisch, rechts- undwirtschaftsgeschichtlich zu erklären, sie socialpolitisch zu würdigen, ihre künftige Ent-wickelungstendenz nachzuweisen. Diese einzelnen Seiten und Reihen darüber hinaus