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Die sittlichen Kräfte, ihre Wirkung auf Blüte und Verfall.
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Wir sahen, daß den großen volkswirtschaftlichen Aufschwungsperioden Zeitengeistig-sittlichen Fortschrittes vorausgegangen waren. Wir erblicken die letzte Ursacheuntergehender Völker und Volkswirtschaften in dem Erlöschen ihrer sittlichen Kräfte.Was verstehen wir darunter?
Wir haben das nützliche als das zweckmäßige Handeln auf dem Gebiete derniedrigen äußeren Zwecke, das sittliche Handeln als das zweckmäßige aus dem Gebieteder höheren und socialen Zwecke definiert (I Z 62). Alles politische und volkswirt-schaftliche Leben, sofern es auf einem Zusammenwirken von Menschen beruht, gehörtdiesem Gebiete an. Die steigende Erkenntnis der gesellschaftlichen und psychologischenFolgen des menschlichen Handelns bahnt uns den Weg zum Sittlichen; der Sieg derhöheren edlen Gefühle über die niedrigen giebt uns die Kraft, sittlich zu handeln. Derkünftige oder sofortige Sieg der edlen, für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfendcn Helden,Staatsmänner, Apostel und Märtyrer über die Gemeinheit, Dummheit, den Egoismushebt die Völker empor, schafft sittliche Kräfte in breiteren Schichten. Indem dieMenschen nicht bloß dem Augenblick und dem Genuß, sondern zugleich der Zukunft,der Gesellschaft, dem Staate, der Menfchheit leben wollen, erheben sie sich zu sittlichenCharakteren. Wo die Menschen diese Höhe des Standpunktes nicht einnehmen oder wiederverlieren, nur sich und ihrem Egoismus leben, sinken sie herab, lösen und bedrohensie die Bande der Gesellschast. Alle Bildung von führenden Aristokratien und Re-gierungen beruht darauf, daß sie einerseits Vertreter der geistig-technischen Fortschritte,andererseits zugleich die sittlichen Führer ihres Volkes sind. Sobald sie aufhören dieseszu sein, schwächt sich ihre Stellung, beginnt die Klassenherrschaft, das Unrecht. Füralle höher entwickelten Völker ist es daher eine der wichtigsten Fragen, ob und wieweit Regierende und obere Klassen dem Gcsamtwohl dienen oder dem eigenen Vorteil,dem eigenen Genuß und Erwerb. Wo sie in letzterer Weife handeln, ahmen ihnen not-wendig bald auch die übrigen Klassen nach; das ganze Volk degeneriert moralisch.
Dabei verlangt natürlich die sittliche Pflicht niemals, daß der einzelne, stehe erhoch oder niedrig, nicht für sich, seine Familie und Kinder, für seinen Erwerb und seinVermögen, seine Gesundheit, sein Emporsteigen sorge; das ist erlaubt und sogar Pflicht.Eine Nation von Idealisten, die das vergäße, die den Selbsterhaltungstrieb ausrottenwollte, ginge zu Grunde. Aber die selbstischen Sorgen sollen nie allein die Menschenbeherrschen; es soll ein Gleichgewicht zwischen ihnen und dem höheren Streben vorhandensein; und dieses Gleichgewicht wird sich in den Regeln der Moral, der Sitten, des Rechtes,in den Institutionen zeigen. Wenn veränderte äußere und innere Umstände die altenRegeln und Institutionen auflösen, so müssen bei der Neubildung derselben nicht bloßder Egoismus, sondern ebenso Pflichtgefühl und Hingabe an das Gemeinwohl Pate stehen;zumal in den Zeiten der Auflösung des Alten, der Bildung des Neuen müssen solcheKräfte, die wir die sittlichen nennen, stark genug im ganzen Volke und bei seinenFührern vorhanden sein.
Man hat ost gesagt, es gebe keinen sittlichen Fortschritt, sondern nur einensolchen des Wissens. Auch Goethe sagt: „klüger und einsichtiger werden die Menschen,aber nicht besser, glücklicher und thatkräftiger oder nur auf Epochen." Manche meinen,nur die Institutionen würden besser, nicht die Individuen. Aber diese wirken dochauf die Menschen zurück. Ursprünglich war der Mensch fast ein Tier, heute wird ervon Vernunft, höheren Gefühlen, kluger Einsicht und Fernsicht, steigendem Wissen be-herrscht, und das macht ihn besser. Ich möchte den Satz Goethes umkehren: der Menschist körperlich, geistig und moralisch unendlich sortgeschritten; aber der Fortschritt istschwierig und schwankend; gar leicht wird bei Umbildung zu neuen Zuständen die Harmonievon Körper und Geist, von Wissen und Charakter, von Egoismus und Pflichtgefühl gestört;und deshalb werden immer wieder vorübergehende Epochen des körperlichen, des geistigen,des moralischen Verfalles kommen. Immer wieder wird der Mensch vor größere Aufgabengestellt, denen er, denen die Gefühle, Ideen, Institutionen der Gegenwart noch nichtgewachsen sind, die er erst nach mancherlei Schwankungen, Irrfahrten, Rückschlägen