g?8 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. s113k
bewältigt. Durch diese Kämpfe hindurch erklimmt er aber zugleich die höheren Stufender sittlichen Kraft.
Er erreicht diese höheren Stufen nur durch höhere Systeme der Religion undMoral, durch die Wirksamkeit der großen Propheten und Lehrer der Menschheit, durchAusbildung immer seinerer und komplizierterer Verbindungen von Selbstbethätigungund Hingabe, von starken Jchimpulscn und Aufopferung. Und die immer komplizierterenOrganifationen des Staates und der Volkswirtschaft, der Kirche und der Schule, desVereins- und Korporationslebens, sie sind ja nur die äußere Projektion dieser innerenVorgänge und Verbindungen. Ein erschöpfendes Bild dieser geistigen und sittlichen Ent-wickelungsgeschichte und ihres Zusammenhanges mit den Institutionen ist heute wohlüberhaupt kaum zu geben. Es ist jedenfalls nicht unseres Amtes, einen Versuch dieserArt hier zu machen. Wenn es fpäter mal eine psychologische, geistige und moralischeGeschichte der Menschheit geben wird, so wird sie auch für die historische Entwickelungder Volkswirtschaft eine der wesentlichen Grundlagen bilden.
Nur mit dem einen kurzen Ausblick auf die psychologisch-moralische Grund-srage der neueren Volkswirtschaft wollen wir schließen. Erst die neuere wirtschaftliche Kultur,hauptsächlich die Geldwirtschaft hat in Zusammenhang mit dem geistigen und politischenLeben der klassischen und neueren Staaten den heutigen Erwerbstrieb geschaffen. Erist nur ein anderer Ausdruck für die Ausbildung der Individualität; durch ihnvollzieht der moderne Mensch eine Jchbejahung, die die älteren Epochen durch körper-liche Stärke, Waffenthaten, Gewaltakte vollzogen. Ohne solch' moderne Individualität,ohne Erwerbstrieb, ohne eine Jchbejahung in diesem Sinne gäbe es die heutigegeistige und politische Kultur, gäbe es unsere Großstaaten und Volkswirtschaften, gäbees auch viele unserer großen Persönlichkeiten nicht. Aber die Kehrseite dieser Entwickelungist der habsüchtige Wuchergeist, die sociale Hartherzigkeit, die Durchsetzung unseresgesellschaftlichen und politischen Lebens mit Lastern aller Art, mit socialen Kämpfen,politischer Korruption. Seit sie entstanden, streben wir auch, diese Fehler zu bekämpfen,zu mildern. Das Christentum ist das größte Glied in der Kette dieser Bestrebungen.Immer wieder hofften wir das Ziel zu erreichen, immer wieder sank die Menschheitzurück, weil die Aufgaben und die Versuchungen zunächst noch größer wurden, weil dieGeldwirtschaft ihre letzte Ausbildung noch nicht erreicht hatte. Aber das schließt nichtaus, daß wir einstens — nicht den Erwerbstrieb — aber die Habsucht in allen führendenhöherstehenden Menschen so gut ausrotten werden, wie wir die Brutalitäten der körper-lichen Gewaltmenschen ausgerottet haben. Auch dazu brauchte es Jahrtausende. Es wirddie Zeit kommen, da alle guten und normal entwickelten Menschen einen anständigenErwerbstrieb und das Streben nach Individualität, Selbstbehauptung, Jchbejahungverstehen werden zu verbinden mit vollendeter Gerechtigkeit und höchstem Gemeinsinn.Hoffentlich ist der Weg dazu nicht so lang wie der war, der von den Brutalitäten derkörperlichen Kraftmenschen zum heutigen Kulturmenschen führte.