Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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g76 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. f4l34

3. Die so geschilderten Cyklen des erst politischen, dann wirtschaftlichen Aufschwungesund des daran sich knüpfenden späteren Niederganges umfassen stets mehrere Generationen,oft Jahrhunderte, während die oben besprochenen, rein wirtschaftlichen Auf- und Nieder-gangsbewegungen (ß§ 237243) sich in Perioden von 515 Jahren wiederholen.Beruhen die letzteren überwiegend aus Ungleichmäßigkeiten in den rein wirtschaftlichenProzessen der Produktion, des Absatzes, der Geld- und Kreditvorgänge, so liegt dieUrsache der ersteren viel tiefer. Sie beruhen auf dem inneren Zusammenhang allerkörperlichen und geistig-moralischen Seiten des gesellschaftlichen Lebens, auf der Wechsel-wirkung zwischen beiden, auf irgend welchen wesentlichen, nicht sofort wieder ausgeglichenenDisharmonien zwischen Korper und Geist, zwischen Bedürfnissen und Mitteln, zwischenden sittlichen Kräften und dem Egoismus, zwischen Wissen und Charakter, zwischenGesellschaft und Staat, zwischen den oberen und unteren Klassen, zwischen den großenAufgaben einer neuen Zeit und den geistigen Kräften der Herrschenden oder derMajoritäten.

Der Umfang und die Wirkung solcher Dissonanzen können aber nun sehr ver-schieden sein. Das Zusammentreffen äußerer Schicksalsschläge und innerer Niedergangs-resp. Entartungsperioden kann Völker vernichten, die vielleicht ohne solchen Stoß sicherhalten hätten. Der sittliche und körperliche Niedergang kann stärker oder schwächersein, er kann sich mehr auf die oberen Schichten eines Volkes beschränken und dann mitdem Aufsteigen der unteren und mittleren Schichten, mit politischen und socialen Reformengeheilt werden. Der Niedergang Deutschlands 1550164V hat den Aufstieg Preußens 16401786 so wenig gehindert, wie eme gewisse Auflösung 17861806 die sittliche,politische und wirtschaftliche Wiedergeburt Preußens und Deutschlands im 19. Jahr-hundert ausschloß. Der große politische und volkswirtschaftliche Aufschwung Deutsch-lands 18501830 hat heute gewiß vielfach einem praktischen Materialismus, einer ge-wissen politischen und gesetzgeberischen Unfähigkeit, häßlichen socialen Kämpfen undschwieriger wirtschaftlicher Lage, auch manchen bedenklichen EntartungserscheinungenPlatz gemacht. Aber das wird einen neuen Aufschwung nicht hindern. Sobald dieallgemeine Stockung, der moralische und physische Niedergang nicht zu groß ist, wirdsolch' kritische Zeit gerade oft zur Geburtshelferin neuer Aufschwungsperioden. England hat gewiß 18501875 einen glänzenderen Auffchwung gehabt, als seither; ob dieheutigen Zustände aber nun Symptome des Alterns seien oder die Vorbereitung sürnoch Größeres, ist schwer zu sagen; eher ist letzteres zu vermuten. Holland bot im18. Jahrhundert das Bild einer alternden Volkswirtschaft, das hat neue Fortschritteund große Leistungen im 19. doch nicht gehindert.

In früheren Zeiten konnte der volle Zusammenbruch viel leichter eintreten, 1. wegender Kleinheit der meisten Staaten, 2. wegen der viel geringeren Festigung ihrer In-stitutionen und 3. wegen des fast fehlenden inneren Zusammenhanges, foweit sie bloßeEroberungsreiche waren. Wo heute größereu Staaten und Volkswirtschaften diesergeistige und wirtschaftliche Zusammenhang fehlt, wie z. B. in der Türkei , in China, ist einAuseinanderfallen eher möglich, während die großen Nationalstaaten, und teilweise auchdie Weltreiche, die Vereinigten Staaten, Rußland, Großbritannien und seine Kolonieneine so seste Kohäsion, einen so stark gefügten, politischen und wirtschaftlichen Organismus,so starke Staatsgewalten haben, daß über sie entfernt nicht so leicht, wie einstmals überdie orientalischen Reiche, über Griechenland und Rom , über die arabisch-mühamedanischenReiche vernichtende Katastrophen hereinbrechen können. Und eben deshalb wird manden heutigen Staaten und Volkswirtschaften eine ganz andere Langlebigkeit als jenenzuschreiben können. Die meisten bergen immer wieder Kräfte der Regeneration in sich;derHartgebackene Kuchen" der bestehenden Sitten und Gesetze wird durch unser heutigesgeistiges Leben und unsere freieren Verfassungsformen immer wieder erweicht werden können.

Die Voraussetzung der Langlebigkeit, der Regeneration nach Niedergangsperiodenist freilich immer die sittliche Gesundheit oder Wiedergeburt des Volkes oder großerführender Teile desselben. Wir kommen damit zum letzten Punkte, über den wir einWort zu sagen haben.