Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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1133) Politische Macht, wirtschaftlicher Ausschwung, sittliche Entartung. 675

Elisabeths, Cromwells, Wilhelms von Oranien und nach den Napoleonischen Kriegen,welche die Handelsherrschaft über die damalige Welt vollendeten; in Schweden unterden großen Wasakönigen des 16. und 17. Jahrhunderts; im neuen Deutschland undItalien nach ihrer Einigung 18591370, in den Vereinigten Staaten , nachdemsie 18031850 sich von einem Ozean zum anderen ausgedehnt hatten. Überall hatdie Machterweiterung den Hauptanstoß zu großem wirtschaftlichem Aufschwung gegeben;überall, schon in den orientalischen antiken Reichen, hat die politische GebietsausdehnungHandel und Verkehr mächtig gefördert. Aber wichtiger Wohl noch ist die Thatsache,daß in solchen Zeiten politischen Ausschwungs auch fast allein große wirtschaftliche undsociale Reformen (in Geldwesen, Kreditwesen, Verkehrswesen, in der Ordnung des Ver-hältnisses der socialen Klassen u. s. w.) gelingen. Und sie gelingen, weil allein insolchen Zeiten ganz große Staatsmänner sich finden, und die Völker ihnen gehorchen.Das geschieht, weil der geistig-moralische Prozeß, von dem alles Leben der Völkerabhängt, in solchen Zeiten eine Belebung, Kräftigung und Versittlichung erfährt wiesonst nie: ein hohes Maß von Gemeinsinn und Pflichtgefühl schiebt die niedrigen Triebe,den Egoismus bei allen Gliedern des Gemeinwesens zurück. Und die starken, großenIndividuen suchen nicht in kleinem Egoismus, in Habsucht und Genußsucht, sondern inpolitischem Ehrgeiz großen Stils, in Hingabe an große allgemeine Ziele ihre Befriedigung.

Der wirtschaftliche Aufschwung folgt meist erst ein oder zwei Generationen späterals der politische. Die Symptome des Ausschwunges sind bekannt: die Bevölkerungsteigt, erhält höhere Bedürfnisse; es wird mehr und besser produziert; das ganze Volkoder wenigstens die obere Hälfte lebt besser, der Komsort und Luxus machen Fort-schritte. Aber nach kürzerer oder längerer Zeit verlangsamt sich der wirtschaftlicheFortschritt. Der aus der großen politischen Ausschwungszeit stammende Geist derSpannung, der Hingabe an das Gemeinwohl verschwinden oder treten zurück. Die her-gebrachten Ideale verblassen; die neue Zeit mit ihrer dichteren Bevölkerung, ihren ge-steigerten Bedürfnissen, ihrem Drang nach neuen Lebensformen, die sie nicht rasch findenkann, kommt in eine Epoche des Unbehagens, der Stagnation; der Erwerbstrieb nimmtneue, meist häßliche Formen an; er wird zur Habsucht, zur socialen Härte; die Ktassen-kämpfe beginnen, Verweichlichung, Luxus und Genußsucht dringen in den jüngeren Genera-tionen ebenso vor, wie die Arbeitsenergie, der kriegerische Geist, die Pflichttreue ab-nehmen. Große sührende Staatsmänner und Geister sehlen, die Parteien zersplitternsich; die Festrennung des gesellschastlichen Lebens in einen hart gebackenen Kuchen vonSitten und Gesetzen (wie Bagehot sagt), hindert den neuen Fortschritt. Man verliertsich in äußerlicher Form, in Etikette und Eitelkeit. Geldheiraten, Ehebruch, Mai-tressenwirtschaft beherrschen die oberen Klassen. Symptome einer Rassendegenerationbeginnen, die teils auf die alte städtische Kultur überhaupt, teils auf die moralischenUrsachen der Niedergangsperiode zurückgehen. Man nennt heute allgemein als solche:Abnahme der Kinderzahl wie der Verheirateten und der Bevölkerung überhaupt, späteHeiraten und als Folge schwächliche Kinder, rachitische Becken der Gebärenden, zunehmendeUnfähigkeit der Frauen zu stillen, stärkere Fortpflanzung der unteren als der oberenKlassen, stärkere Fortpflanzung der Schwächlichen und Kranken, zunehmenden Alkohol-genuß, Syphilis, zunehmende Tuberkulose, Anwachsen der Nerven- und Geisteskranken.Es ist schwer zu sagen, wie weit heute, wie weit früher Derartiges Platz griff. Daßdas die Symptome einer materialistischen, hyperkritischen, frivolen Zeit sind, wird keinGeschichtskundiger leugnen, ebenso, daß sie zusammenhängen mit der Auflösung des altenkirchlichen Glaubens, der meist bisher nur für eine Minorität durch andere versittlichendeKräste ersetzt ist.

Wohl können, auch wenn die Seele eines Volkes schon erkrankt ist, Wissen undKunst, Technik und Wohlstand noch längere oder kürzere Zeit voranschreiten, aber nichtmehr auf die Dauer, wenn nicht eine innere Neubildung zur Harmonie, zur Wieder-belebung der sittlichen Kräfte beginnt. Und fehlt sie, so werden über kurz oder langäußere Katastrophen oder innere Prozesse die Erkrankung des ganzen socialen Körpersoffenbaren; dann sinkt auch Wissen, Technik, Kunst und Wohlstand von seiner Höhe herab.

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