Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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674 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. s1132

glänzend aufblühenden Stadtstaaten sind über lose Bündnisse nicht hinausgekommen.Sie erlagen dann der großen, kräftigen makedonischen Monarchie und dem römischenWeltreich, nachdem sie freilich durch ungesunde Verfassungs- und sociale Entwickelung,durch zersetzenden Individualismus, egoistische Genußsucht, Verlust ihrer kriegerischenEigenschaften und politischen Tugenden ihre sittlichen, wahrscheinlich auch ihrekörperlichen Kräfte zerstört hatten. Die Römer brachten es zum ersten Rechtsstaat derWelt und zu einem blühenden Ackerbaustaat bis gegen 280 v. Chr. Als Italien unter-worfen war, und die Unterwerfung der übrigen Mittelmeerküsten begann, trat auch derNiedergang der Verfassung mit den Bügerkriegen ein (II S. 505508). Die Militär-diktatur und der Priucipat schufen dann nochmals für 200 Jahre einen Aufschwung.Das Reich wurde ein geordneter Städtebund mit führender Spitze (I S. 258), nichtein centralistischer Staat und eine einheitliche Volkswirtschaft wie heute die Großstaaten.Aber die Schäden der socialen Zerrüttung dauerten fort (II S. 510511); eine ganzgesunde politische und wirtschaftliche Neugestaltung wurde nicht erreicht. Ob zuletztmehr der innere Niedergang (die sittliche Auflösung und militärisch-finanzielle Schwäche)oder der Andrang der Germanen den Untergang herbeiführte, läßt sich schwer sagen.Ein einheitliches Volk war im römischen Reiche gar nicht entstanden; es hatte sich nurim Westen eine römisch redende, im Osten eine griechisch redende Oberschichte der Gesell-schaft über die einzelnen Stadtgebiete und Provinzen gelagert, die in sich wenig Einheithatten, die verschiedensten Sprachen redeten, den verschiedensten Völkern und Rassenangehörten. Der Untergang dieses Reiches hat mehr Ähnlichkeit mit dem der älterenGroßreiche als mit irgend einer neueren Geschichtserscheinung.

Von einem Ende und Niedergang der neueren Völker, ähnlich dem der Griechen undRömer, können wir eigentlich nicht reden. Denn wenn Italien von 15001800 zurückgingund verarmte, so ist es heute mit seiner politischen Einheit wieder emporgestiegen; ebensoDeutschland , nachdem es Politisch seit 1250, wirtschaftlich seit 1550 zurückgegangen war.Wohl haben Spanien und Portugal, die Niederlande und die skandinavischen StaatenZeiten größerer Macht, größeren Kolonialbesitzes, größerer Schiffahrt hinter sich; ob sieje reicher waren als heute, steht dahin. Ihr Machtrückgang ist wesentlich Folge desgeringeren Wachstums, der Thatsache, daß sie nicht so an Zahl, Macht, Reichtum zu-nahmen wie andere Staaten, daneben freilich auch, daß sie manche geistige, kirchliche,moralische, technische Fortschritte gar nicht oder langsamer machten als die an der Spitzestehenden Staaten.

Wir sehen aus diesen paar summarischen historischen Thatsachen jedenfalls, daßdie Frage der Blüte und des Niederganges der Völker überhaupt und ihres Wohl-standes im speciellen 1. eine sehr komplizierte ist und 2. jedenfalls aufs engste mit derpolitischen Staaten- und Machtbildung zusammenhängt. Die Zeit der Blüte jedesVolkes und Staates ist einmal eine solche großer innerer geistig-moralischer, technischer,organisatorischer Fortschritte und dann eine solche der Machtüberlegenheit oder derMachtsteigerung gegenüber dem Auslande, wodurch direkt und indirekt der Reichtumbefördert wird. Der absolute oder relative Machtrückgang bedroht stets auch den Wohl-stand; das ist allerdings um so weniger der Fall, je mehr ein befriedetes, völkerrechtlichgeordnetes Gleichgewichtssystem der Staaten sich ausbildet und die Oberhand über neueMachtproben gewinnt.

2. Suchen wir nach diesen wenigen allgemeinen Bemerkungen etwas konkreter unsdie Vorgänge des Aufsteigens, der Blüte und des Rückganges der uns bekanntestenVölker klar zu machen, ohne dabei aber auf das einzelne der specifisch Wirtschafts- undsocialpolitischen Fragen und Institutionen einzugehen.

Wir fragen zunächst, wann erfolgte der glänzendste wirtschaftliche Aufschwung?Bei den Griechen nach den Perserkriegen, bei den Römern von der Unterwerfung Mittel-italiens bis zum Ende der punischen Kriege; im mittelalterlichen Italien , nachdem einigegroße Handelsstädte sich zu Mittelstaaten erweitert hatten; in Frankreich nach derCentralisation durch Ludwig XI., Ludwig XIV., Napoleon I.; in Holland nach demUnabhängigkeitskrieg gegen Spanien; in England nach den kühnen Regierungen