DIE FORDERUNGEN DER THEORETIKER.
85
Gegensätze zu den Erörterungen der vorausgehenden Jahr-zehnte eine wachsende Entschiedenheit entgegen, die auchvor tiefen Einschnitten in das gesammte Staatsleben nichtzurückscheut.
Dieser letztere Zug zeigt sich bezüglich der Landwirt-schaft vor Allem in der Erörterung der Besitzverhältnisse. Auchin den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts bereitshatten die „after-emphyteutischen“ Zustände vielfache scharfeKritik erfahren. Im Wesentlichen aber hatte man sich dochnur höchstens zu der Forderung nach Umwandlung aller Grund-gerechtigkeiten in Erbrecht verstiegen. Der Gedanke da-gegen einen selbständigen Stand von Kleinbauern mit vollemEigentum an Grund und Boden zu schaffen, taucht in der da-maligen Publizistik kaum in der abgeschwächten Form einesfrommen Wunsches auf. So findet sich z. B. in dem mehr-erwähnten Intelligenzblatte nur einmal eine Stelle dieser Art.Es wird im Jahre 1771 erzählt, wie der König von Däne-mark seinen Domänenbaueru das Eigentum verliehen habe.Daran knüpft dann die Redaktion als Anmerkung folgendeBetrachtung: 1 „Der weise König ist schon auf dem rechtenWege, wenn sein mildes Herz so denket; denn er weissschon, dass, wenn der Nahrungsstand blühen soll, ein wahresEigentum und die Freiheit im Handel die Triebfeder derLandesindustrie sind, und er weiss auch, dass, wenn esden Unthanen wohl gehet, er im Ganzen nichts verlierenkann“.
Seit der Wende des Jahrhunderts wird nun aus dieserbescheidenen Betrachtung über den Wert des „wahren“ Eigen-tums die mit voller Schärfe aufgestellte Forderung nach durch-greifender Änderung der bisherigen Besitzverhältnisse. „FreiesEigentum und freie Kultur“, die Devise der Agrarreformenin Toskana, wird zum ausgesprochenen Wahlspruche vonIlazzi, der in seinen Schriften gleichwie in seiner praktischenWirksamkeit als die eigentliche Seele der für die Landwirt-schaft bestimmten Abtheilung der Generallandesdirektion diesenGrundsatz in umfassender Weise bethätigt. Und Reingruber,
1 Churbayrisches Intelligonzblatt, 1771 p. 148.