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Die innere Colonisation in Schleswig-Holstein vor hundert Jahren : Rede zum Antritt des Rektorates der Christian-Albrechts-Universität in Kiel am 5. März 1895 / von Wilhelm Seelig
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schauenden Reform-Programms, welches Hartwig Ernst von Bern-storf, der grosse Minister König Friedrichs V. bei dem Regierungs-antritt von dessen Nachfolger König Christian VIl. 1766 entworfen hatte.

Abschaffung der Leibeigenschaft, Aufhebung derFrohndienste, Umwandelung der Feste-Güter in freiesEigenthum war der erste Punkt dieses Programms. Daran reihte sich:Aufhebung und Auftheilung der Gemeinheiten, Zusammen-legung und Einkoppelung der Ländereien. Ferner Par-zellirung und Verkauf der Domänen. Endlich: Neue Ver-anlagung der Grundsteuer auf die Ertragsfähigkeit derLändereien begründet.

Einige dieser grossen Aufgaben wurden sofort in Angriff genommenund mehr oder weniger vollständig ausgeführt. Andere wurden zwarbei dem bald nachher erfolgenden öftern jähen Wechsel in den höchstenStaatsbehörden zeitweilig bei Seite geschoben, gelangten aber doch auchnoch meist um !/ 2 Jahrhundert in Dänemark und Schleswig-Holstein früher zur Ausführung, als in den deutschen Ländern, welche ihre aufdiese Gegenstände gerichtete Gesetzgebung nach dem Vorbilde der schles-wig-holsteinischen entwarfen.

Es waren übrigens die höchsten Staatsämter damals in Dänemark grossentheils mit Deutschen besetzt. Nicht blos waren dieses Angehörigeder mit der dänischen Königskrone vereinigten deutschen Provinzen,auch Männer aus dem deutschen Binnenlande hatten in Kopenhagen bereitwillig Aufnahme gefunden. Unter Christian VI. war die Hofsprachedie deutsche gewesen, und auch im Uebrigen herrschte das Deutschthumvor. Friedrich V. neigte wohl mehr zum französischen Wesen. Ander geistigen Bewegung, welche in Frankreich durch Montesquieu, Diderot, d'Alembert , Rousseau u. s. w. hervorgerufen war, nahmen diehöchsten Gesellschaftsklassen auch dort den lebhaftesten Antheil. Derdänischen Gesandtschaft in Paris war ein eigener Attache beigegeben,der über die Erscheinungen und Vorgänge auf dem Gebiete derfranzösischen Litteratur und Kunst fortlaufend Bericht erstatten musste.Mallet, der Historiker, erwies sich als ein besonders tüchtiger Inhaberdieses Postens.

Aber auch unter Friedrich V. waren es vorzugsweise nochDeutsche, welche die höhern Staatsämter bekleideten. Zunächst . GrafSchul in, bis 1750 der leitende Staatsminister Friedrich V. war einstals unbemittelter deutscher Student nach Kopenhagen gekommen, hattesich schnell vom Hauslehrer zu den höchsten Staatsstellen empor-