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Die innere Colonisation in Schleswig-Holstein vor hundert Jahren : Rede zum Antritt des Rektorates der Christian-Albrechts-Universität in Kiel am 5. März 1895 / von Wilhelm Seelig
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schaften Schleswig - Holsteins um jene Zeit nur das 3. bis 5. Korn ge-erntet worden sei. Im Allgemeinen mag das zutreffend sein; für dasAmt Cismar z. B. ist das noch sehr hoch gerechnet; denn da wirdman nach den in den Archiven vorliegenden Nachrichten wohl über-haupt nur das 3. Korn, also den 3fachen Betrag der Aussaat als durch-schnittlichen Ernte-Ertrag ansehen dürfen. Die Bauern ernteten seltensoviel, als sie zur Führung des eigenen Hausstands, zum Füttern desViehes und zur Aussaat nöthig hatten. Sehr häufig mussten noch diePächter, denen die Conservation der zu ihrem Hofe gehörigen Hufenoblag, das Saatgetreide liefern. Und solche geringen Erträge gewannman auf an sich sehr fruchtbarem Lande. Der Kreis Oldenburg, zuwelchem Cismar gehört, kann jetzt wohl als der ertragreichste Geest-kreis beider Herzogtümer bezeichnet werden, da er den höchstendurchschnittlichen Körner-Ertrag vom Hektar Landes liefert. Erkommt darin den fruchtbaren Marschkreisen ganz nahe und übertrifftselbst den wegen seiner Bodengüte berühmten Kreis Sonderburg .

Die betreffenden Regierungen in Schleswig-Holstein, wie in Däne-mark hatten sich wiederholt durch amtliche Untersuchungen über dieZustände der Landwirtschaft und die Ursachen des geringen Ertragsderselben zu unterrichten gesucht. Für diejenigen Distrikte, in welchendie Frohndienste der Bauern bestanden, erkannte man in diesem Ver-hältnisse das Haupthinderniss bessern Gedeihens. Aber allgemein galtdie Ansicht, dass Grosswirthschaft ohne Frohndienst nichtbestehen könne. Daher die vielen Schwankungen der Regierungdieser Einrichtung gegenüber.

Schon Christian IV. hatte die Leibeigenschaft beseitigen wollen,stiess aber auf unbesiegbaren Widerstand seitens des Grossgrundbesitzes.Friedrich IV. erklärt sie bei seiner Thronbesteigung 1702 für aufgehoben.Ebenso Christian VI. 1730. Es blieb dennoch beim Alten, ja wurdevielfach noch schlimmer.

Unter Friedrich V. wurden wiederum ernstliche Anstallen getroffen,eine Besserung herbeizuführen. Hartwig von Bernstorf schenktedieser Aufgabe seine volle Aufmerksamkeit. Adam von Moltke , derVertraute König Friedrich V. war es vor Allem, der hier thätig war, nach-dem er durch vorgenommene gründliche Untersuchung der Verhältnisseüber die Wurzel des Uebel sich Aufklärung verschafft hatte. Zur Vor-bereitung erliess er im Jahre 1755 eine öffentliche Aufforderung Ab-handlungen über Verbesserung der Landwirtschaft und andere gemein-nützige Gegenstände ihm einzureichen. Darin sollten freimüthig die