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Die innere Colonisation in Schleswig-Holstein vor hundert Jahren : Rede zum Antritt des Rektorates der Christian-Albrechts-Universität in Kiel am 5. März 1895 / von Wilhelm Seelig
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Tübingen zu beziehen. Vom Herbst 1729 an machte dann Keisslermit seinen beiden Zöglingen eine zwei Jahre dauernde Reise durchDeutschland, die Schweiz, Italien, England, die Niederlande und Frank-reich , von welcher Keissler eine ausführliche Beschreibung im Druckerscheinen Hess. Diese Reisen dienten wesentlich dem Zwecke in denbereisten Ländern Anschauungen und Kenntnisse der wichtigsten Ver-hältnisse und Einrichtungen, sowie die Bekanntschaft der einflussreichstenPersönlichkeiten zu gewinnen. Mit welcher Sorgfalt Hartwig von Bern-storf seine Vorbildung für seine spätere staatsmännische Laufbahnbetrieb, mag unter Anderem daraus erhellen, dass er das auf seinenReisen gesammelte Material von Notizen über Personen, Sachen, Ver-hältnisse alsbald systematisch ordnete und für alle vorzugsweise inBetracht kommenden Länder von 1733 an chronologisch weiter führte.Daher war er fortwährend im Besitz der genauesten Kenntnisse vonallen in diesen Ländern wichtigen Vorkommnissen und Persönlichkeiten.Er sprach alle Hauptsprachen Europas und konnte für das Italienischeund Französische als glänzender Stylist gelten.

So durfte es nicht allzusehr überraschen, dass er schon bald nachseinem Eintritt in den dänischen Staatsdienst 1732, obwohl erst eben20 Jahr alt, den Posten eines dänischen Gesandten bei dem sächsischen Hoferhielt, als welcher er dann bis zum Jahre 1737 in Dresden und Warschau funktionirte. 1739 ging er in gleicher Eigenschaft nach Regensburgunderwirkte da die Aufnahme Holsteins unter die alternirenden fürstlichenHäuser, wohnte 1741 der Kaiserwahl zu Frankfurt bei, wurde sodann1742 Gesandter beim Reichstage und bei Kaiser Karl VII. Vom Jahre1744 an bekleidete er den damals so wichtigen Gesandschafts-Postenzu Paris, nachdem er den noch wichtigeren zu Petersburg seiner schwäch-lichen Gesundheit halber abgelehnt hatte.

Die 6 Jahre, welche er zu Paris , damals dem Brennpunkte desgeistigen Lebens in P2uropa, in solcher einflussreichen Stellung ver-brachte, benutzte Bernstorf vor Allem auch dazu mit den in Kunst undWissenschaft hervorragendsten Männern in nähere Verbindung zu treten.Mit einzelnen derselben, wie mit Montesquieu blieb er später auchvon Kopenhagen aus in regelmässigem Briefwechsel. Auch mit Ch o i s eul,dem leitenden Minister Louis XV r . unterhielt der Minister eine fort-laufende Correspondenz, die später (1871) zum Theil im Druck erschienenist. Ein Jahr nach dem 1750 erfolgten Tode des Grafen Schulin,des dänischen Ministers des Aeusseren, trat er an dessen Stelle. Figent-lich hätte er sofort nachfolgen sollen, allein er fühlte sich zunächst