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Die innere Colonisation in Schleswig-Holstein vor hundert Jahren : Rede zum Antritt des Rektorates der Christian-Albrechts-Universität in Kiel am 5. März 1895 / von Wilhelm Seelig
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Früchte seiner Arbeit geniessen. Dann bringt das Land den höchstenErtrag und die Bevölkerung wächst. Der Ueberschuss der wachsendenBevölkerung wendet sich den städtischen Gewerben zu, die dadurchsich immer weiter entwickeln und die Erzeugnisse des Landbaues zurbesseren Verwerthung bringen.

Freiheit und Eigenthum (an Land) sind die grössten Triebfederndes Fleisses, und es ist über die Macht einer Regierung, irgend durchAufmunterung den Mangel dieser Triebfeder zu ersetzen."Die Zeitist an sich eines der grössten Güter, weil auf ihrem Gebrauch derGebrauch auch aller anderer Güter beruhet." Mit der Frolmarbeit isteine grosse Zeitverschwendung verbunden.Es geht mit der Vermehrungim menschlichen Geschlechte, ebenso wie bei den Thieren sehr geschwindso lange, bis ein gewisser Grad erreicht ist, welchen der Vorrathan Nahrung bestimmt. Das sieht man an dem schnellen Wachsthumder europäischen Kolonien in den andern Welttheilen, an der Wieder-bevölkerung der Länder, wo Krieg und Pest aufgeräumt haben. Beierreichtem Grade steht die Vermehrung still, und wenn sie weiter ge-trieben werden soll, muss ein neuer Ausweg zur Nahrung sich öffnen.Der Erdboden ist bis auf einen hohen Grad fruchtbar, der nur seltenerreicht worden ist. Die Natur ist in dem Masse ergiebig, als dieMenschen durch Fleiss und mit Verstand von ihr fordern. Zum Forderngehört ein Trieb zum Wohlleben, der auch bei dem Bauer vor-handen sein soll. Was den Luxus betrifft, über den so viel geschriebenwird, so hört das Wohlleben auf erlaubt zu sein, wo durch dasselbeeine Pflicht verletzet wird. Bis dahin ist dieser Trieb nicht nur un-schuldig, sondern zur Belebung des Fleisses unentbehrlich. Es sindaber diejenigen Pflichten, welche der Trieb zum Wohlleben leicht über-schreitet, gewöhnlich kein Gegenstand der Gesetze, und also liegt dieGrenze zwischen dem er 1 aubten Wohl 1 eben und der sträflichenUeppigkeit innerhalb des Gebietes der Sittenlehre undausserhalb des Gebietes obrigkeitlicher Verordnungen.Ein solcher Trieb zum Wohlleben kann sich nur bei dem freien Bauernäussern, der unfreie und der kein Eigenthum hat, muss sich denselbenvergehen lassen.Die Konkurrenz wird alle Gegenstände desGewerbes, alle Güter, auf der einen Seite die Produkte der Landwirt-schaft, Lebensmittel und dergleichen, auf der andern Seite die Produktedes städtischen Fleisses, des Handwerkers und des Fabrikanten, bei dermöglich grössten Güte in dem möglichst niedrigen Preise erhalten."Wohl zu verstehen, wenn nur zugleich der Massstab alles Gewerbes,