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Auf den geschilderten Grundlagen geistesgeschichtlicher, politischerund persönlicher Art erhebt sich der Gedankenbau des Marxismus, welcherbei überwiegend volkswirtschaftlichem Inhalt eine geschlossene Weltan-schauung zu geben beansprucht: eine nationalökonomische Antwort aufdie letzten Fragen des Menschendaseins. Sozialrevolutionärer Wert-Nihilismus, materialistische Geschichtsauffassung, Mehrwert-lehre und politischer Sozialismus sind die vier Hauptansichtendieses allumfassenden Gebäudes, die im Folgenden an kan tischen Maß-stäben gemessen werden sollen.
I. Marx ist Monist im Gegensatz zum Dualismus zwischen Sein undSoll (Natur und Wert), welcher Kants System durchzieht. Er ist Seins-monist im Gegensatz zum Wertmonismus Hegels. Bei Hegel verschlingtder Wert das Sein: was nicht Wert ist, ist nicht „wirklich“. Bei Marx ver-schlingt das Sein den Wert: was nicht wirklich ist, ist kein Wert. MarxensSystem behauptet rein „naturwissenschaftlich zu sein. Auch für ihn giltdas Wort seines Freundes Heine:
„Vernichtet ist das Zweierlei,
Das uns so lang betöret.“
In diesem Sinne ist Marx Wertnihilist.
„In rücksichtslosem Bruch mit der Vergangenheit“ — zertrümmertMarx, gemeinsam mit der Hegelschen Linken, die geschichtlich überliefertenWerte des Volkes: Gott und Staat. Jubelnd begrüsst Marx die „befreiendeWirkung“ Feuerbachs 14 .
a) Zweifellos ist es das Verdienst Feuerbachs gewesen, das Christen-tum einer seinswissenschaftlichen Erforschung unterworfen zu haben,obschon Feuerbachs naturwissenschaftliche „Anthropologie“ für eine kausaleErklärung historischer Eigenart weniger leistet, als die Methode einesD. Strauss und Bruno Bauer. Aber Feuerbach will mehr: er will sein