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Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
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Auf den geschilderten Grundlagen geistesgeschichtlicher, politischerund persönlicher Art erhebt sich der Gedankenbau des Marxismus, welcherbei überwiegend volkswirtschaftlichem Inhalt eine geschlossene Weltan-schauung zu geben beansprucht: eine nationalökonomische Antwort aufdie letzten Fragen des Menschendaseins. Sozialrevolutionärer Wert-Nihilismus, materialistische Geschichtsauffassung, Mehrwert-lehre und politischer Sozialismus sind die vier Hauptansichtendieses allumfassenden Gebäudes, die im Folgenden an kan tischen Maß-stäben gemessen werden sollen.

I. Marx ist Monist im Gegensatz zum Dualismus zwischen Sein undSoll (Natur und Wert), welcher Kants System durchzieht. Er ist Seins-monist im Gegensatz zum Wertmonismus Hegels. Bei Hegel verschlingtder Wert das Sein: was nicht Wert ist, ist nichtwirklich. Bei Marx ver-schlingt das Sein den Wert: was nicht wirklich ist, ist kein Wert. MarxensSystem behauptet reinnaturwissenschaftlich zu sein. Auch für ihn giltdas Wort seines Freundes Heine:

Vernichtet ist das Zweierlei,

Das uns so lang betöret.

In diesem Sinne ist Marx Wertnihilist.

In rücksichtslosem Bruch mit der Vergangenheit zertrümmertMarx, gemeinsam mit der Hegelschen Linken, die geschichtlich überliefertenWerte des Volkes: Gott und Staat. Jubelnd begrüsst Marx diebefreiendeWirkung Feuerbachs 14 .

a) Zweifellos ist es das Verdienst Feuerbachs gewesen, das Christen-tum einer seinswissenschaftlichen Erforschung unterworfen zu haben,obschon Feuerbachs naturwissenschaftlicheAnthropologie für eine kausaleErklärung historischer Eigenart weniger leistet, als die Methode einesD. Strauss und Bruno Bauer. Aber Feuerbach will mehr: er will sein