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Objekt nicht nur erklären, wie der Natur- oder Geschichtsforscher, dieihr Selbst in den Gegenstand restlos versenken. Er will das Christentum,indem er es wissenschaftlich erklärt, zugleich beseitigen. In diesem Sinneist Marx zeitlebens „bedingungsloser Feuerbachianer“.
Schon in seiner Doktordissertation 1841 erklärt Marx mit Epikur,dass der Atlas, auf den der Himmel sich stütze, menschliche Dummheitund Aberglaube sei 16 . In der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“bezeichnet Marx die „Kritik der Religion“ für „die Voraussetzung allerKritik“ — Religion ist das Opium, das die besitzenden Klassen dem Volkeeinflössen, „gleichgültig, ob die Herren daran glauben oder nicht“. Aufihren Höhepunkten streift die Bourgeoisie die religiöse „Verkleidung“ab; der Atheismus ist ihr wichtigstes Vermächtnis an das aufsteigendeProletariat l6 .
Mit besonderem Hasse bedenkt Marx den erst halbentseelten Leich-nam des Protestantismus, während er den faulenden Kadaver des Katholi-zismus verächtlich mit dem Fusse stösst. Luther habe die Pfaffenherrschaftgestürzt, aber den inneren Menschen zum Pfaffen erhoben, dessen Säku-larisation die schwierigere Aufgabe sei 17 . Scharfgeschliffene Pfeile desSpottes richtet Marx gegen „nationalökonomische Geschäftsverpfuscher“geistlichen Standes, gegen Malthus und seine Amtsbrüder, deren „gesegneteArbeit im Weinberge des Herrn“ in wahrhaft unanständiger Weisezur Vermehrung der Bevölkerung beitrage 18 . Noch in der Kritik desGothaschen Programms 1875 herrscht das ecrasez l’Infäme: „Gewissens-freiheit“ sei eine bourgeoise Formel, unter der z. B. in den VereinigtenStaaten die Religion prächtig gedeihe; das Proletariat habe die Aufgabe,das Gewissen vom religiösen Phantom zu befreien. Nicht die Trennungder Kirche vom Staate liegt im Sinne des echten Marxismus, vielmehreine bewusste Ausrottung religiöser Restbestände durch die weltlicheZwangserziehung. In diesem Sinne ist Bebels atheistischer Fanatismusmarxistischer als das „Religion ist Privatsache“ des sozialdemokratischenProgramms 19 .
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