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Der Nationalökonom stellt den „einheitlichen“, „rein wirtschaftlichen“Kausalzusammenhang fest, welcher zum „Gesetz“ verallgemeinert werdensoll. Er sucht derartige Isolierungen in der Geschichte und freut sich z. B. alsRententheoretiker der Kontinentalsperre Napoleons , die als wissenschaft-liches Experiment zu kostspielig wäre 68 . Er verfährt hierbei — induktivesund deduktives Verfahren handhabend 6U — wie der Naturforscher, obauch der Idealtypus selbst eine durchaus teleologische Begriffsbildung ist.Sein Ziel ist die Aufstellung von Gesetzen, welche unbedingt, aber nurin isoliertem Rahmen gelten; z. B. wäre die Feststellung, dass der Mehr-ertrag des fruchtbareren Grundstücks heuer durch Hagelschaden vernichtetworden sei, ein widersinniger Einwand gegen Ricardos Rententheorie 70 .Gleich dem Naturforscher interessiert ihn das historische Konkretum als„Fall“ des Allgemeinbegriffes.
Auch darin gleicht die Nationalökonomie der Naturwissenschaft,dass sie ihre allgemeinsten Sätze der Psychologie entnimmt, ähnlich wiedie eine Naturwissenschaft auf die andere zurückgreift — auch darin, dass siestets empirische „Wahrnehmungswissenschaft“ bleibt, nicht wie die Logik undMathematik zur reinen „Verstandeswissenschaft“ gemacht werden darf 71 .
Anders der historische Materialismus. Ihn interessiert ein Konkretum:die einmalige, nicht wiederkehrende Wirtschafts- und Kulturentwicklungder Menschheit. Insbesondere beschäftigt ihn der zunächst auf gewissenInseln im naturalwirtschaftlichen Meere aufblühende, von dort aus all-mählich Westeuropa und den Globus überspannende „Kapitalismus“ — einschlechthin einzigartiges Geschichtsgebilde. Dieses Konkretum will er „natur-gesetzlich“ erklären. Er scheitert bei diesem Unterfangen an einem derwichtigsten und zukunftsreichsten Gedanken der Kritik der Urteilskraft:das Besondere (die „Spezifikation“) ist irrational 72 . Unserem „diskursiven“Verstände ist es unmöglich, über den Gegensatz des Allgemeinen undBesonderen hinwegzukommen. Was unter Gesetze fällt, kann aus Gesetzennicht abgeleitet werden. LTm die Beschränktheit des menschlichen Er-kennens klarzulegen, verwendet Kant als erkenntnistheoretische Fiktion