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Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
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Die Verbindlichkeit der historischen Werte ruht also letzthin inKants praktischem Glauben: dasSoll des Pflichtgebots ist demGewissen die sicherste aller Tatsachen. Pflichterfüllung in die Welt hinausaber wäre sinnlos, wenn die Menschheit nichts als eineRotte von Toren,ihr Handeln und Arbeiten ein Zickzack wäre. Aus dem Primat derpraktischen Vernunft fliesst der Glaube an die Macht des Guten in derWelt und damit die Idee des geschichtlichen Fortschritts in der Richtungauf den überempirischen Wert. Freilich ist die menschliche Erfahrungin ihrer räumlich-zeitlichen Begrenztheit unfähig, die Geschichte auf jenenEndzweck hin zu verstehen, wie es Hegel versucht hat. Wir Menschenverstehen das Gesetz einer sittlichen Entwicklung nur, soweit es für unsNorm ist; wie es in der Welt sich verwirklicht, entzieht sich unseremErkennen. Für uns ist also der Zweck (telos) niemals Realgrund irgendwelchen äusseren Tatbestandes. Daher hat auch die Geschichtswissen-schaft eine rein empirisch-kausale Aufgabe. Aber die Auswahl dersie interessierenden Tatsachen erfolgt auf Grund von Werten, die zwarebenfalls empirisch gegeben und dem geschichtlichen Wechsel unter-worfen sind, deren Verbindlichkeit jedoch überempirisch verankert ist 77 .So lässt beispielsweise Kant dem wirtschaftlichen Egoismus und derdurch ihn herbeigeführten Gemeinsamkeit der Interessen einen breitenSpielraum bei der kausalen Erklärung geschichtlicher Tatbestände. Kant kommt insofern der britischen Nationalökonomie weit entgegen. Aber dasSpiel des wirtschaftlichen Egoismus interessiert doch nur insofern, als esfür einen Kulturzweck (positiv oder negativ) in Betracht kommt: Be-schaffung des Sachbedarfs der Nation oder der Menschheit, wobeiNation,Menschheit die Wertideen sind, die dem ihnen dienenden Wirtschaftslebenein geschichtliches Interesse verleihen.

Zur Feststellung des historischen Kausalzusammenhanges packt derechte Historiker die Kausalien, wo er sie findet und wie sie ihm wesentlicherscheinen. Er klebt nicht ängstlich an einereinheitlichen Kausalreihe,indem der leitende Wertgesichtspunkt Ursachen disparatester Herkunft