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Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
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zu dienen. Ein solches Auswahlprinzip besitzt nur derjenige, dem ein über-individueller, Allgemeingültigkeit fordernderKulturwert feststeht. Ausder unendlichen Mannigfaltigkeit wertneutraler Veränderungen heben sichdann gewisse Vorgänge heraus, die der Verwirklichung jener wie immer ge-stalteten Kulturwerte dienen: Geschichte! Insofern sagt der alte Roschermit Recht, dass nur die praktisch-sittliche Vernunft Geschichte verstehe 715 .

Auf dieser Grundlage haben unsere grossen Historiker gebaut. Aufderselben wird neuerdings in den Schriften Windelbands, vor allem Rickerts,M. Webers u. a. eine Methodik der Geschichtswissenschaft geschaffen.Die Scheidung von Naturwissenschaft und Geschichte beruht danachauf Verschiedenheit der Methode, nicht des Gegenstands. Man scheidetbekanntlich naturwissenschaftliches (nomothetisches) und geschichtswissen-schaftliches (idiographisches) Verfahren. Letzteres steht, sowohl was seineVoraussetzung als was seine Anwendung angeht, in unversöhnlichemWiderspruch mit dem historischen Materialismus.

Wie die Naturwissenschaft, so ist auch die Geschichtswissenschaftvon Kant kritisch begründet worden, wenn auch bei ihm neben einervoll ausgebildeten Theorie der Naturwissenschaft nur erst die Keime einerkritischen Geschichtsphilosophie vorhanden sind.

Um aus der ungeheuren Masse wertneutralen Geschehens einen all-gemein wertvollen Verlauf herauszuheben, hiezu bedarf es der Vorstellungvon der Geschichte als eines einmaligen, Kulturwerte verwirklichendenWertverlaufs. Dieser Gedanke ist in Kants Lehre von derGattung alsmoralischem Ganzen vorgebildet und von Fichte und Hegel auf dieHöhe geführt worden. Ihm zu Grunde liegt die Annahme eines letzten,überhistorischen, wenngleich in der Geschichte sich entfaltenden Wertes also jene Wertbejahung, der das Denken eines Marx von Grund ausentgegen ist. Wem die Geschichte überhaupt keine Werte verwirklicht,dem muss es folgerichtigerweise gleich bedeutsam erscheinen, ob FriedrichWilhelm IV. z. B. die deutsche Kaiserkrone ablehnte, oder welche Kleiderer bei diesem Anlass trug und was er vorher gefrühstückt hatte.