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Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
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des menschlichen Erkennens, welche nie und nimmer das Einzelne alsnotwendig zu erfassen vermag. Derwissenschaftliche Sozialismus brichtunter Kants irrationalistischer Erkenntnistheorie zusammen 91 .

Der Sozialismus bedarf als Politik einer Ethik. Kann diese Ethikeine eudämonistische sein? Gerade wenn der Glückseligkeitstrieb alsallgemeine Tatsache des menschlichen Seelenlebens feststeht, ist er un-geeignet, eine ethische Norm zu begründen; denn was tatsächlich allge-mein ist, kann nicht der Gegenstand einesSoll sein, zu dessen Wesendie Möglichkeit der Nichtbefolgung gehört. Der Glückseligkeitstriebist dann in ethischer Hinsicht neutral: weder gut noch schlecht, gleichdem Durst und dem Hunger.

Um von der Tatsache des allgemein verbreiteten Glückseligkeits-triebes zu einer ethischen und politischen Norm zu gelangen, bedarf eseines tollen Sprunges. Man muss den Einzelnen davon zu überredensuchen, dass er sein Ziel am besten erreiche, wenn er seine Mitmenschenbeglücke. Für unbekannte Exemplare der Gattung homo sapiens sollder blühende Jüngling auf dem Schlachtfelde die Glücksmöglichkeit einesganzen Lebens opfern dazu auf dem modernen Schlachtfelde noch inkalter Selbstbeherrschung? Für ungeborene Zweifüssler soll der Kopfarbeiterwährend eines Mannesalters Lebensfülle und Nachtruhe dahingeben? Esel,die Säcke auf steilem Pfade emporschleppend sich damit vertrösten, ihreigenes Lustquantum zu vermehren!

Wer aber sich überreden lässt, dem Glücke der Mitmenschen seineigenes zu opfern, steht damit vor einer neuen Schwierigkeit. Wie weitist der Kreis der Glücksanwärter zu ziehen? Es leuchtet schlechthin nichtein, weshalb die Lust der Vielen wertvoller sein soll als die einiger Er-wählten. Könnte die möglichst grosse Lustmenge nicht besser inwenige grosse Säcke, als in viele kleine verstaut werden? Wäre dabeidie Art der Lust nicht zu verbessern? Lohnen die Anstrengungen dessozialpolitischen Kampfes, wenn nichts anderes erstrebt wird, als dasaustralische Arbeiterparadies: fünf Fleischmahlzeiten am Tag und des