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Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
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Nachts Neomalthusianismus? Begnügt man sich dagegen weichherzigmit einer breit verteilten Mittelmässigkeit des Glückes, so bleibt die Frageoffen, weswegen die auszuschüttenden Lustgefühle auf die eigenen Klassen-oder Volksgenossen oder auch nur auf die Menschheit zu beschränkenseien. Schon Kant stellte die Frage, ob es nicht ebenso gut gewesenwäre, wenn die Insel Otaheiti von glücklichen Rindern oder Schafen alsvon glücklichen Menschen besetzt gewesen wäre 9S . Diese Frage gewinntheute um so mehr Gewicht, nachdem Darwin die Grenzen zwischen deneinzelnen Spezies verflüssigt hat: dieMenschheit hat aufgehört, eine ge-schlossene Welt für sich zu bedeuten.

Nur wo objektive Kulturzwecke feststehen, kann die Befriedigung deseigenen oder fremden Glückseligkeitstriebes unter Umständen normativenWert gewinnen. So streift Kant weit entfernt vom Rigorismus, dessen ihnMissverständnis bezichtigt 99 äusserlich betrachtet, manchmal an Hedonis-mus heran. Sich und andere der Lebensfreude zu berauben, widersprichtder Pflicht. Gesundheit, auskömmliches Dasein, verständige Bemessungder Arbeitszeit und andere sozialpolitisch gute Dinge sind als Grundlageder Kultur anzustreben; sie fördern jenefröhliche Gemütsstimmung,die nach Kant Pflicht ist, weil manohne sie nie gewiss ist, das Guteauch lieb gewonnen zu haben 97 . Die uns aufgegebene künstlerische Kulturbedarf der vollen und heiteren Bejahung des sinnlichen Daseins, vor allemder Freude am schönen Menschenkörper. Kant verteidigtdie veränder-lichen Erfindungen des Putzes als im ästhetischen Wesen der Frau be-gründet 98 . Aber alles dies ist weit entfernt von Schlaraffia. Aus demMeer schwankender Glücksberechnungen ragt der Felsen der praktischenVernunft: im Konflikt zwischen Pflicht und Neigung ist auf letzteregar-nicht Rücksichtzu nehmen. Solche Konflikte werden auch den Zukunfts-staatlern nicht erspart sein. Derheilige (konfliktlose) Wille ist über-menschlich, nicht anders als der im Schaffen erkennende Gottesgeist.

Der Sozialismus bedarf als Politik der Sollsätze, welche für das Volks-ganze, das sie betreffen, Allgemeingültigkeit beanspruchen. Solche Sollsätze