Druckschrift 
Marx oder Kant : Rede, gehalten in d. Kunst- u. Festhalle am 9. Mai 1908 bei d. öffentl. Feier d. Übergabe d. Prorektorats d. Univ. Freiburg i. Br.
Seite
45
Einzelbild herunterladen
 

45

Lebensinteressen mit Blut und Eisen wahrnimmt 103 . Sexuelle Disziplinierungin der Ehe, staatliche Disziplinierung im Volksheer erzieht zu jener all-gemeinen sozialen Disziplinierung, ohne welche eine Annäherung anzukunftsstaatliche Ideale Utopie ist.

Auch die Wissenschaft steht im Dienste des Endziels nicht alsein fertiges Lehrgebäude nach Marx , sondern als die vollendete, unvollend-bare, unendliche Reihen verfolgende Arbeit an der Erkenntnis im SinneKants.Wir halten eine Frage niemals für erschöpft *? 3 . Aber Marx hatnicht nur die Tradition Kants, er hat auch die Goethes zerschnitten.Der Marxismus ist eine gelehrte Weltanschauung, seinem Wesen nachdurchaus unkünstlerisch. Ihm schlägt die Kunst keine sichtbare Brückezwischen dem armen Heute und dem Jenseits der Idee. Ein neuer Sozialismusbilde Auge und Hand des Arbeiters zur Anschauung und Gestaltung, wiedies W. Morris gerade als Sozialist unternommen hat.

Der Sozialismus endlich gründe sich auf denGlauben an die Machtdes Guten in der Welt, die trotz gegenteiligen Scheines den Sieg ge-währleistet. Dieser Glaube ist keineSelbstverständlichkeit Selbst-verständlichkeiten stehen auf schwachen Füssen sondern ist Kants wohl-begründeterVernunftglaube. Mit einem Wort: der Sozialismus zer-trümmere das Hegelsche Gerüst die von Marx und Engels so hochgepriesene, von Bernstein bekämpfte Dialektik. Er ergreife Hegels Kulturgehalt, die Lehre vom objektiven und absoluten Geist, in der daserste Ergebnis der von Kant ausgehenden Bewegung in wunderbarerAbrundung wenn auch nur zeitgeschichtlich zusammengefasst ist 104 .

Aber bei keiner dieser gesellschaftlichen oder geistigen Errungen-schaften verweile der Sozialismus, der aus Kants Jungbrunnen getrunkenhat. In unendlicher Sehnsucht nach der Idee leiste er freudig die Klein-arbeit des Tages, ohne auf ihren Erfolgen auszuruhen. In ihm lebe uner-messliche Triebkraft, ewiges Streben. In Feierstunden desEndzielsgedenkend, vernehme er die Stimme der Meister und sichere sich dadurchgegen opportunistische und possibilistische Verflachung. In ihm lebe Kants