VIII
möchte es scheinen, als ob nur Roscher und wenige andere Kennerder Originale sind. Wenn wir uns also in dieses Neuland wagten, wares von vornherein klar: daß wir uns erst Wege bahnen müßten,also sorgfältigstes Quellenstudium Pflicht wäre. — Der alte Streitüber die Anfänge der Nationalökonomie als Wissenschaft soll hiernicht von neuem aufgenommen werden. Es ist mehr als einheuristisches Prinzip, daß an dem Anfang der deutschen National-ökonomie die alten Kameralisten stehen, weil sie zu den erstenDeutschen gehörten, die sich bemühten, die wirtschaftlichen Phä-nomene zu erfassen. Eine Beschäftigung mit ihnen soll keineApologie sein, aber sie wird zeigen, daß es sich verlohnt, dieseAutoren ihrer unverdienten Vergessenheit zu entreißen, weil siekeineswegs unoriginell waren, und ihre Stellungnahme zu denwirtschaftlichen Problemen auch unser Interesse erregen dürfte.Dann werden wir sehen, daß nicht alles Heil für die deutscheNationalökonomie aus England kam.
Um eine Gesamtdarstellung der alten deutschen Kameralistenzu geben, muß die Arbeit in drei Hauptteile zerfallen. Doch istes nötig, deduktiv und induktiv vorzugehen: aus dem Wenigender Literatur wird ein Maßstab zu bilden sein, was Kameralistensind, und aus den Quellen selbst wird der Beweis dafür zu er-bringen sein. Daher hat sich der erste Teil mit der Ent-stehung und dem Wesen des Kameralismus zu beschäftigen.Er prüft die deutsche und die ausländische Literatur über die Kamera-listen und rollt das Problem des Merkantilismus auf, für daser eine neue Lösung zu finden versucht. Wenn wir die Gründedes Erscheinens der Kameralisten kennen, werden wir auch ihrWesen verstehen.
Der zweite Teil ist an Umfang der größte; denn er solldie Literaturgeschichte des Kameralismus bilden. Hierkommen die Kameralisten selbst zu Wort, während der Kritikerganz im Hintergrund bleibt. Sie sollen ungestört sprechen können,gleichsam wie die Marionetten, die des Regisseurs führende Handan unsichtbaren Fäden über die Bühne leitet. Erst so könnenwir sie wirklich einmal kennen lernen. Deshalb wird dieser Teileine Inhaltsangabe ihrer Werke geben, ähnlich wie sie uns dieGeschichte Roschers bietet, nur daß nach keinem einseitigenPrinzip ausgewählt wurde. Es mußte einmal die Aufgabe unter-nommen werden, all diese verschiedensten Anschauungen aneinem Ort zu vereinigen. Wir werden hier neben bekanntenSchriften manche bisher noch nie veröffentlichte, neben be-