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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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hunderts ist es Regel, die Volkswirtschaftspolitik zunächst immeraus finanziellen Gesichtspunkten zu betrachten« 6 ). Der andere alteGeschichtsschreiber der Nationalökonomie, Kautz, spricht ohneweiteres von einer »Kameralwissenschaft« und von »ökonomisch-kam eralistischen Kenntnissen« 6 ). Mehr Auskunft gibt Eisen-hart 7 ) auch nicht. In seiner unvollendeten »Geschichte derNationalökonomie« nennt August Oncken die Kameralwissen-schaft eine »praktische Beamtendisziplin«, die sich »im unmittel-baren Anschluß an die Bedürfnisse des Landesfürstentums ent-wickelte« 8 ); sich aber »nicht bloß auf ökonomische, sondern aufalle öffentlichen Verwaltungszwecke überhaupt bezog« 9 ). WieOncken denken eigentlich alle Historiker. Held meint, im18. Jahrhundert hätten sich Handlungswissenschaft und Polizeivon der Finanz geschieden, »aber immerhin blinkt der finanzielleGesichtspunkt durch,« indem beständig die Identität der Interessenvon Fürst und Volk ... an die Spitze jener Untersuchungen ge-stellt wird, die sich ausschließlich mit dem Verkehrsleben desVolkes befassen. Dies ist der Charakter der sogenannten Kamera-listen, mit welchem Namen man die deutschen Merkantilisten nichtunpassend bezeichnet« 10 ). Einen ähnlichen Standpunkt vertrittMiaskowski, wenn er Kameralwissenschaft »diejenige Summe vonWissen, die der Regent eines Landes, namentlich aber ein Kameral-bzw. Finanzbeamter sich an eignen mußte,« nennt. Er glaubt, »daßder Merkantilismus sich bei uns vielfach mit der Kameralistikdurchkreuzt, ja zum Teil geradezu in derselben aufgeht,« weil »dieKameralwissenschaft eine Disziplin ist, die sich durch die Bestim-mung ihrer Jünger und damit wohl auch durch die Summe desWissens, das sie vermittelt, nicht aber durch den Inhalt und dieRichtung desselben charakterisiert, während der Merkantilismusteils einen Komplex bestimmter zu einer Einheit verbundenerpolitischer Maßregeln, teils deren literarische Verarbeitung undBegründung bezeichnet.« Auch die geschichtliche Aufgabe warihnen gemeinsam; waren sie doch »die finanziellen Geburtshelferdes modernen Territorialstaats« 11 ).

Was Erdberg von den Kameralisten denkt, verrät er nicht,behauptet aber von Becher, »Einflüsse älterer deutscher Kamera-listen lassen sich bei ihm direkt nicht nachweisen, vielmehr stander letzteren stets oppositionell gegenüber, und das um so mehr,je weniger ihre Anschauungen den seinigen entsprachen« 12 ). Nurzu gern identifizieren die verschiedenen Autoren Kameralismusund Verwaltungslehre. So sagt Gothein : »Es entsteht die spezi-