Zweites Kapitel.
Die Anschauungen über den Merkantilismus.
i. Alle Literatur über den Merkantilismus wird an AdamSmith anknüpfen, weil er der erste*) war, der die merkanti-listischen Ideen zu einem System zu formen versuchte. Im IV.Bucheseiner »Wealth of Nations« behauptet er: »Die verschiedenenFortschritte im Reichtum der verschiedenen Zeitalter und Nationenhaben zu zwei verschiedenen Systemen der politischen Ökonomie. . . geführt. Das eine derselben kann das Handels-, das anderedas Agrarsystem genannt werden« 1 ): »The one may be called
the Systeme of commerce, the other that of agriculture« 2 ). DieGrundprinzipien und damit gleichbedeutend die Grundirrtümer desMerkantilsystems sieht Smith — wir brauchen auf seine allgemeinbekannten Anschauungen nur in Kürze einzugehen — in folgendem:»Die gewöhnliche Meinung ist die, daß das Vermögen in Geldoder in Silber und Gold bestehe.« »Wie einen reichen Mann hältman auch ein reiches Land für ein solches, das Geld im Über-fluß hat, und Gold und Silber in einem Lande aufzuhäufen, denktman sich als den einfachsten Weg, es zu bereichern« 3 ). Auf dieseserste Prinzip bauen sich, so folgert er, die weiteren auf, zunächstdie Lehre von der Handelsbilanz: »Wenn das Land Güter zueinem größeren Werte ausführe als einführe, so würden ihm nachder Bilanz fremde Völker etwas schuldig bleiben, was notwendigin Gold und Silber bezahlt werden müßte und dadurch die Quantität
*) Das Wort »Merkantilsystem« stammt nicht von Adam Smith , wenn auchLeser der Meinung ist, und sie damit stützt, daß Smith selbst es 1763 noch nicht ge-kannt habe. Oncken belehrt uns, daß es schon von den Physiokraten gebrauchtwurde »für die von ihnen bekämpfte Wirtschaftspolitik, die jedoch gewöhnlich als»regime reglementaire« oder »Systeme du privitege exclusif« bezeichnet wird. So z. B.in der Form »Systeme de commerce« am Schlüsse der »Remarques sur l’opinion del’auteur de »l’esprit des lois« concemant les colonies« (1766) und als »Systeme mercantile«schon vorher in der 1763 erschienenen »Philosophie rurale« des Marquis von Mirabeau «t. III. p. 91 Randnote. (Hdw. d. Staatsw., Bd. VI, S. 280, Anm. 2, 2. Aufl., 1901,Artikel Quesnay .)