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auswählte, was ihm für seine Tendenz paßte. Diese meine An-schauung scheint mir auch der Aufsatz Cunninghams: »AdamSmith und die Merkantilisten« durchaus zu bestätigen. Er meint,die Macht des Merkantilismus wäre so groß gewesen, daß manmit allen Mitteln dagegen Sturm laufen mußte. »Auch war AdamSmith keineswegs genötigt, in der Weise, in welcher er seinenAngriff machte, allzu skrupulös zu sein. Nach seiner Überzeugungstand er vor einem Handelssystem, das ganz unbezwingbar schien,das einen schädlichen Einfluß auf die Wohlfahrt und die politischeMacht seines Landes ausübte, von der öffentlichen Meinung derZeit jedoch unterstützt war.« Darum habe er recht getan, jenesSystem so scharf anzugreifen. »Hätte er sein Werk zu sorgfältigverfeinert, so hätte er vielleicht jene Stärke verloren, die ihm inder öffentlichen Meinung so große Wirksamkeit verschaffte.« Nun,würden wir heute nach demselben Rezept verfahren wollen, dasCunningham bei Smith billigt, dann wäre auch jedes Mittel recht,die falschen Smithschen Thesen zu bekämpfen. Cunningham selbstaber weiß, wie und worin Smith irrte, denn er sagt, er wäre über-zeugt: »erstens, daß die Schriftsteller der merkantilistischen Schulein keinen Irrtum über die Natur des Reichtums verfallen sind,sondern sogar einige nützliche Unterscheidungen in ihrer Termi-nologie machten, die von Smith vernachlässigt wurden, zweitens,daß ihr System eher als einseitig, denn als irrtümlich verdammtwerden kann, und drittens, daß es Adam Smith nicht gelang, dengröberen Mangel ihrer Nationalökonomik in seiner eigenen Be-handlung der »Wealth of Nations« zu vermeiden« 13 ).
2. Wie man in der ganzen Welt mit Begeisterung den Smith-schen Gedanken folgte, so nahm man natürlich auch seine An-schauungen über das Merkantilsystem bereitwillig an: allüberallhieß es: Kampf dem Merkantilismus auf der ganzen Linie: Fran-zosen, Deutsche standen mit ihrem Meister in der Front!
In Frankreich wurde Jean Baptiste Say der VerkünderSmithscher Ideen. »Pour triompher completement, Smith avaitbesoin (au moins sur le continent) d’un interprete. Celui quireussirait ä reunir ses idees »en un corps de doctrine disposeavec methode« et debarasse de digressions inutiles, ferait doncoeuvre utile. C’est Jean Baptiste Say qui s’en chargea« (Gide-Rist 14 ). Kein Wunder, daß ihm der Merkantilismus eine »fressendeBeule« ist. Wie er denkt auch Charles Ganilh 15 ). Die Thesen,die der Engländer aufgestellt hatte, gelten als unumstößlich. Nurüber den Ursprung dieses Systems stellt man noch verschiedene
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