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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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haben Überfluß an Gold und Silber. Ist das ein beneidenswerterZustand?« Es ist das typische Manchestertum, das aus Emminghausspricht, wenn er sagt: nur im Zusammenhänge mit dem Despo-tismus, der Europa mit dem Dreißigjährigen Kriege gefangen hielt,konnte sich jener Irrtum aufrecht erhalten. War doch der »Mer-kantilismus ein Despotismus für sich«; denn unglaublich warenseine Eingriffe in das Leben der einzelnen. Man saugte das Volksystematisch aus, um den Staatsschatz zu füllen. So kommt Em-minghaus zu dem vernichtenden Urteil: »Der Merkantilismus istunter den wirtschaftlichen Verirrungen das, was der Geiz unterden sittlichen. Auch er ist die Wurzel vielen Übels. Er ist fastmehr als eine Verirrung, er ist zugleich das Zeichen einer niedrigenund gemeinen Weltanschauung. Ebenso bekanntlich der Geiz.Der Geizige hungert und verkommt im Überfluß. Ebenso müßteein Volk verhungern und verkommen, in dem der Merkantilismusals alleinherrschendes Wirtschaftssystem vielleicht unerschöpflicheSchätze an Gold und Silber angehäuft hätte« 32 ).

Es sind immer wieder dieselben Gedankengänge, in denensich die Anschauungen vom Merkantilismus bewegen. Ein Schrift-steller tritt in die Fußstapfen des anderen, ohne zu wagen, originellzu sein. Heinrich Contzen sieht im Merkantilismus »kein vonden Gelehrten willkürlich erfundenes theoretisches Lehrgebäude,sondern das natürliche Produkt der politischen und wirtschaftlichenVerhältnisse der Zeit«. »Die Überschätzung des Geldes kann imallgemeinen als das Hauptcharakteristikum dieses Systems be-zeichnet werden.« Man hätte, meint er, im Gelde den »einzigenRepräsentanten des Reichtums« erblickt, und somit Wirkung undUrsache verwechselt. Denn die Geldmenge allein nütze nichts;das sucht er an dem Emminghausschen Beispiel von der ver-schlagenen Schiffsmannschaft klarzulegen, ohne im übrigen dieQuelle seiner Idee zu nennen 33 ). Neu ist bei Contzen die An-nahme, daß die merkantilistische Auffassung alt wäre: »es ist einuralter, sich von neuem wieder gebären der Gedanke, daß derReichtum eines Landes in Gold oder edlem Metalle bestehe«,schon Griechen und Römer hätten ihn vertreten, »so wurden inEngland schon im 14. Jahrhundert Anordnungen getroffen, umdas Geld im Lande zu erhalten und zu mehren« 34 ).

Neumann-Spallart sieht auch eine »Fülle von Irrtümern«im Merkantilsystem, weil es das »Wesen des Volkswohlstandesganz verkennt und diesen in Edelmetallen statt in der Füllemannigfacher Güter sucht«, und so Ursache und Wirkung ver-