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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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aber sagt Roscher anderes, wenn er meint: man könne nichtglauben, »daß eine Lehre, die Jahrhunderte lang von der Stadt-wirtschaft des späteren Mittelalters an bis über die StaatswirtschaftFriedrichs des Großen hinaus . . . vorherrschte, bloß auf einemIrrtum beruht habe. Nein, es waren größtenteils Forderungen,die nicht bloß damals einem wirklichen Bedürfnisse entsprachen,nur, daß häufig die Formulierung ungeschickt, namentlich über-trieben ist« 43 ). Dieselben historischen Gesichtspunkte leiten auchKnies 44 ) und Glaser, der in dem Merkantilismus nicht »die Er-findung eines spekulierenden Philosophen oder Nationalökonomen«sieht, denn er ist ihm »aus der Praxis und aus dem Leben selbsthervorgegangen«, und wurde »wissenschaftlich in den Schriftenüber allgemeine Politik« behandelt. Sein Schwerpunkt liege »nichtin seiner nationalökonomischen und auch nicht in seiner admini-strativen, sondern in seiner sozialen und politischen Bedeutung«;denn »die Ausbildung der absoluten Monarchie geht Hand in Handmit der Ausbildung des Merkantilsystems« 45 ).

Der englische Historiker John Keils Ingram folgt dergleichen Idee, daß die Bildung großer Staaten Menschen und Geldbrauchte, weil ein Wettkampf unter den Nationen bestand. »Nichtirgendwelche Form wissenschaftlichen Denkens veranlaßte Nationenund Regierungen, sich der merkantilistischen Theorie zuzuwenden,sondern die Macht äußerer Umstände und die Beobachtung offenzutage liegender Tatsachen« 46 ). Den Franzosen J. E. Horn wirdman zu derselben Gruppe der Verteidiger zählen können. Er sprichtzwar auch von einer »surestimation de lor et de largent«, aber erentschuldigt diesen Irrtum als Folge der politischen Erscheinungen:»Le mercantilisme se produit ä une epoque sacheve la for-mation des Etats ou leur cristallisation. ... Le souverain, hier encore

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capitaine de tribou, devient chef de lEtat et eprouve le besoin dene plus vivre au jour le jour, de ne plus penser uniquement auxexpeditions et aux butins, de soccuper aussi quelque peu desautres interets du pays quil gouverne. . . . II le faut developperles ressources du pays« 47 ).

b) Alle diese Schriftsteller hatten sich mit einer rein relativi-stischen Betrachtung des Merkantilismus begnügt, hatten zwareinige beachtenswerte Gesichtspunkte angeführt, über seinen wissen-schaftlichen oder seinen praktischen Charakter debattiert, aber nichtein einziger hatte sich an die Smithschen Behauptungen herange-wagt, um diese selbst der Kritik zu unterziehen. Noch immerstand das »Merkantilsystem«, wie es in dem »Wealth of Nations«