Druckschrift 
Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
Entstehung
Seite
29
Einzelbild herunterladen
 

29

errichtet worden war, unerschüttert als Schlüssel zu jeder weiterenForschung da. Hier mußte erst die Opposition einsetzen; es mußteeinmal gefragt werden: Haben denn die Merkantilisten wirklichGeld für Reichtum gehalten? Waren es einzig Handels- und In-dustrieinteressen, die sie vertraten, und hatten sie für die Land-wirtschaft kein Auge?

Der erste, der an den Smithschen Thesen rüttelte, war KarlMario (Karl Georg Winkelblech ), dessen Werk in unserenTagen den wenigsten bekannt ist, und doch verdienen die Aus-führungen dieses »halbvergessenen Vaters des zünftlerischen, klein-bürgerlichen Sozialismus« 48 ) über das Merkantilsystem besonders ge-würdigt zu werden. Er sieht in ihm die Übergangsform vomMonopolismus zum Liberalismus in der Reihe der ökonomischenSysteme, und nennt es deshalb »altliberale Schule«. Er ist sichauch bewußt, daß das Problem bisher falsch behandelt worden ist:»Gegenwärtig sind über das Merkantilsystem, dessen Inhalt mangewöhnlich nur aus geschichtlichen Mitteilungen liberaler Schrift-steller kennt, teils mangelhafte, teils unrichtige Ansichten verbreitet;denn die Merkantilisten haben an den Liberalen . . . ebenso ein-seitige als unbillige Beurteiler gefunden« 49 ). Der monopolistischeCharakter des Merkantilismus spreche aus der Stellung des Fürsten, der über die Untertanen nach Gutdünken verfügen könne, derliberale aus der Forderung des freien Verkehrs. Seine Grundfragelaute: »Wie können die Bewohner eines möglichst stark bevölkertenLandes zum größten Wohlstand gelangen? eine, wie man sieht,nicht weit- sondern nationalökonomische Aufgabe«. Marios Idealist der »Panpolismus«, der »nicht auf Vertilgung der Individualität,sondern auf Beendigung des ebenso sündhaften als unheilvollen,die Individualität der Schwächeren, der der Stärkeren zum Opferbringenden nationalen Kämpfe gerichtet ist« 60 ); er fordert also stattder nationalen Weltanschauung der Merkantilisten eine kosmo-politische und nähert sich mit dieser Gegenüberstellung dermodernsten Auffassung des Merkantilismus. Nicht Geld alleinmache den Reichtum eines Landes aus, sondern seine Hilfsquellenund Vorräte, unter denen Geld die erste Rolle spiele, das sei dieMeinung der Merkantilisten, betont Mario. Alle drei Zweige derVolkswirtschaft: Landwirtschaft, Gewerbe und Handel hätten siefür nützlich gehalten. Dem elementaren Teil des Systems stellt ereinen praktischen gegenüber, der die inländische Arbeit organisiereund den Verkehr mit dem Ausland regele. »Man kann ihnen ein-wenden,« meint er, »daß ihr ethischer Standpunkt ein unsittlicher

\