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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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Eng an Schmoller schließt sich Bücher an; auch er willin dem Merkantilismus das staatenbildende Moment alsdas Primäre ansehen. »In Deutschland sind es die größerenTerritorialfürsten, welche die moderne Staatsidee im Kampfe mitdem Landadel und den Städten zum Ausdruck zu bringen suchen freilich vielfach unter großen Schwierigkeiten.« Während hieraber dieser Kampf sehr lange dauerte, »sehen wir die westeuro-päischen Staaten: Spanien, Portugal, England, Frankreich, dieNiederlande seit dem 16. Jahrhundert auch schon äußerlich alseinheitliche Wirtschaftsgebiete hervortreten, daß sie eine kraftvolleKolonialpolitik entfalten«). Es entsteht jetzt ein »überauskompliziertes und kunstvolles System nationaler Bedürfnisbefriedi-gung«, dessen Durchführung alle Staaten erstreben. Seine »Regelnwerden gewöhnlich unter dem Namen des Merkantilsystems zu-sammengefaßt. Man hat das letztere lange als ein theoretischesLehrgebäude angesehen, das in dem Grundsatz gipfle, daß derReichtum eines Landes in der Summe baren Geldes bestehe, diesich innerhalb seiner Grenzen befinde«. Aber »der Merkan-tilismus ist kein totes Dogma, sondern die lebendige Praxisaller bedeutenden Staatsmänner von Karl V. bis auf Friedrich denGroßen«. Alle seine Maßregeln dienten nur »dem einen Zwecke,eine nach außen abgeschlossene Staatswirtschaft zu schaffen, welchealle Bedürfnisse der Staatsangehörigen durch die nationale Arbeitzu befriedigen imstande sei« 78 ).

Onckens Ausführungen in seiner »Geschichte der National-ökonomie« sind von besonderem Interesse. Er ist sich nicht klarob er den Merkantilismus als ein System ansehen soll, denn ein-mal nennt er ihn das »System der landesfürstlichen Wohlstands-polizei«, dann aber meint er, es handele sich dabei »mehr umeine Zeitströmung als um ein einheitliches System« 79 ), und be-hauptet schließlich: »Es handelt sich um ein ganzes Bündel vonSystemen«, und zwar »Systeme der Volkswirtschaftspolitik, nichtder theoretischen Nationalökonomie«. Doch betont er dann wieder,daß erst die Physiokraten den Ausdruck »Systeme mercantile«geprägt hätten. Auch er erklärt sein Entstehen aus der Ge-schichte. Es wuchs aus dem Mittelalter heraus und beruht aufdem städtischen Bürgertum und dem Landesfürstentum. Die Riva-lität der einzelnen Nationen war das leitende Prinzip. Daraufberuhte auch die Handelsbilanzpolitik, »das einzige Dogma,welches das Merkantilsystem aufgestellt hat«, wie er meint. »Sieist der Zentralbegriff, der alles beherrscht. Nicht immer wird aber