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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
Entstehung
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Das Wesen des Merkantilismus.

i. Es erschien mir von Wichtigkeit, einmal möglichst viele undheterogene Meinungen über den Merkantilismus zu vereinen, weilein umfassender Überblick in der Literaturgeschichte meinesWissens fehlt. Wenn auch das Fazit all dieser Anschauungen ambesten in dem alten Satz des Terenz formuliert wird: quot capita,tot sensus, so steht doch das eine fest, daß von dem stolzen Ge-bäude, das Adam Smith und seine Schule einst errichtete, nichtmehr viel übrig geblieben ist. Obwohl das Thema schon ein-gehend behandelt worden ist, so verlohnt es sich doch, noch ein-mal gegen die altüberlieferten Anschauungen vom Merkantilis-mus, die es ja eigentlich zu einer gewissen »Popularität« gebrachthaben, anzukämpfen. Wichtiger aber erscheint es mir, an dasProblem selbst heranzugehen und trotz der vielen Deutungen einebefriedigende Formel zu finden. Dazu wollen wir es von dermethodologischen Seite angreifen: Gab es wirklich ein Mer-kantil-System? Denn in dieser Frage sind sich auch die »Ver-teidiger« durchaus nicht einig. Wir haben im vorigen Kapitelgesehen, wie sich die Anschauungen widersprechen: wird hier mitaller Schärfe ein System behauptet, so 'spricht man dort von»wohlwollender Systemlosigkeit« (Marchet); billigen die einen(Schacht) nur ein System der Wirtschaftspolitik, so treten dieanderen nur für ein theoretisches System ein (Salz). SelbstSchmoller und Bücher bleiben bei einem System, dessen Wesensie in der Staatsbildung erblicken. Wie unklar Oncken in seinenDefinitionen ist, haben wir gesehen.

Es bleibt also für diesen Streit der Meinungen nichts anderesübrig, als einmal den Begriff klar herauszuschälen und zu fragen:»Was ist denn überhaupt ein System?« Nur so können wirzum richtigen Ziele gelangen. Ich möchte unter einem Systemverstehen: einen festgeschlossenen Kreis von Meinungenmit einem leitenden Prinzip, das sämtliche Teil-