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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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kennt die Wirkungen der Zahlungsbilanz, wenn ihm auch dasWort selbst wohl noch fehlt.

Diese Proben wir hätten sie noch beliebig vermehrenkönnensollten nur zeigen, wie ungeschlossen der Merkantilis-mus ist, und sie beweisen auch die Annahme, in ihm kein Systemzu sehen. Und daß er auch kein wissenschaftliches Lehrgebäude,keine Schule war, ist wohl kaum nötig, hervorzuheben. Wir sehenseine Vertreter in ganz Europa , aber wir wissen nicht, wer zuerstdiese Ideen schuf. Es war kein Meister, der seine Jünger lehrte,daß sie das eben Gehörte über alle Welt verbreiteten; nein, derMerkantilismus ist nicht dem Kopfe eines einzelnen entsprungen,sondern er war ein Kind seiner Zeit.

2. Was aber ist Merkantilismus? Wie die Meinungenüber ihn auseinandergehen, haben wir soeben gesehen. Wenn esferner, wie u. a. Contzenund Leser behaupten, schon im Altertumund im frühen Mittelalter »merkantilistische « Anschauungen gab Anschauungen übrigens die die Merkantilisten selbst kaum ver-traten muß dann das typisch Merkantilistische nicht in einemanderen Moment zu suchen sein, als man bisher annahm? Denneinen antiken Merkantilismus kennen wir nicht. Hören wir dannwieder eine Äußerung Roschers: »Unsere weitverbreitete Ge-wohnheit, die ganze Entwicklungsperiode der Volkswirtschafts-lehre, welche den Physiokraten voraufgeht, mit dem Namen desMerkantilsystems zu bezeichnen, ist allerwenigstens eine sehr un-genügende. Das bekannte Bild, welches die Lehrbüchertraditionvon einem Merkantilisten zu entwerfen pflegt, paßt immerhin aufmanche unbedeutendere Schriftsteller des 17. und 18. Jahrhunderts;aber die bedeutenderen werden keineswegs dadurch ge-troffen. In einigen Punkten stimmen sie wohl damit überein,in anderen, ebenso wichtigen, sind sie völlig davon abweichend.So verschiedenartige Männer wie Mun, Child, Davenant, mit demeinen Wort »Merkantilist « zu charakterisieren, geht ebensowenigan, als wenn ein katholischer Kirchenhistoriker alle protestantischenTheologen, von Hengstenberg bis auf Strauß mit dem einen Wort»Akatholiken« oder »Häretiker« hinlänglich meinte bezeichnet zuhaben« 8 ). Wenn wir also hier sehen, daß Roscher geradedie bedeutendsten Anhänger ausschließen will, dann werden wirin unserem Zweifel bestärkt werden. Nur wenn wir die starreForm, in die man bisher den Merkantilismus zwängte, auf lösen,können wir die rätselvollen Widersprüche lösen, um die der Kampfdes Für und Wider tobte.