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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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Der Merkantilismus ist nichts anderes als eine Zeit-strömung. So wie eine der anderen folgt, wie eine die anderebegleitet. Aber eine solche Welle, wie sie hier im Beginne derneuen Zeit durch ganz Europa zieht im wogenden Auf und Ab,läßt sich nicht einengen in die Fesseln starrer Begriffe. Nennenwir diese eine Strömung nun »Merkantilismus«, so können wirnach unserer eben gewonnenen Definition in ihm weil zuvielStrebungen kreuz und quer gehen kein System sehen. Wirwerden dies Denken und Trachten einer Zeit weit besser als ihre»Strömung«, ihre »Bewegung« kennzeichnen. Denn ebenso-wenig wie der Humanismus ein System ist, und wie unsaus demselben Grunde die Wirtschaftsströmung unserer Zeit,der Kapitalismus , keineswegs als System erscheint, eben-sowenig kann der Merkantilismus ein System sein.(Ich weiß wohl, daß Sombart öfters von einem kapitalisti-schen System spricht, ohne mich damit zu identifizieren.)Die neue Zeit bringt die Staaten zum Bewußtsein ihrer selbst,und dieser neue staatliche Egoismus ist eine eminent nationaleBewegung. Die Universalideen des Mittelalters ver-schwinden, jeder Staat versucht auf eigenen Füßen zu stehenund nur sich zu dienen. Dazu aber bedurfte er der straffenpolitischen Zusammenfassung und einer geeinten Volkswirtschaft;denn dem Mittelalter fehlte »gänzlich die Auffassung der Volks-wirtschaft als eines Ganzen« (Heyking 9 ), deshalb mußten dielokalen Organisationen, mußte die Stadtwirtschaft überwundenwerden. Was also ist das merkantilistisch Relevante? Wir wollenversuchen, für all das Sehnen und Streben der Zeit, für all ihrDenken und Fühlen einen Generalnenner zu finden. Alles kon-zentrierte sich um den einen Punkt: das nationale Selbst-bewußtsein. So ist Merkantilismus Nationalismus: mitdem leitenden Prinzip der politischen und volkswirt-schaftlichen Zentralisation. Er leitet hinüber von der mittel-alterlichen Enge zum großen nationalen Einheitsstaat, indem ersich schließlich mit dem Absolutismus verbindet.

Wir verstehen unter Merkantilismus etwas anderes als esbisher geschah. Wir haben den Begriff erweitert, können nun indie gleichsam größere Form mehr hineingießen. Alle historischenDefinitionen sind schließlich immer Zweckmäßigkeitsfragen. Darumhat Schmoller zwar recht, wenn er meint, »der Merkantilismussei in seinem inneren Kern nichts anderes als Staatsbildung, abernicht Staatsbildung schlechtweg, sondern Staats- und Volkswirt-