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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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schaftsbildung zugleich«, aber wir gewinnen mehr Klarheit,wenn wir ihn nicht als ein »System einer Politik«, sondernals eine Bewegung einer bestimmten Zeit auffassen, derenPrinzipien nun staatsbildend gewesen sein mögen. Die Be-wegung ist das Primäre, die Politik das Sekundäre. Das Gleichegilt für Salz, der meint, man müsse unterscheiden »zwischen einemtatsächlichen Merkantilismus, wie er sich in jedem einzelnenLande und Staate aus den territorialen Bedingungen und vor-handenen Verhältnissen ergab und einem darüber hinausgreifendenidealen Merkantilismus«. Wenn er ferner behauptet: »Dieser idealeoder . . . utopische Merkantilismus ist aber durchaus universal undübereinstimmend mit den großen die Zeit bewegenden Strömungenund Tendenzen« 10 ), kommt er dem Richtigen sehr nahe, falls erdas nationale und nicht ein universales Moment im Merkantilis-mus anerkennt: denn eine Bewegung als solche muß stets universalsein. Below sagt nicht mit Unrecht: »Wir werden bei historischenErscheinungen überhaupt darauf verzichten müssen, eine Be-zeichnung ausfindig zu machen, die allen ihren Seiten gerechtwird« 11 ). Tun wir aber nicht besser, wenn wir dieser Periode; dieman bisher schon die »merkantilistische« nannte, um der Klarheitwillen den Namen »Merkantilismus« mag er auch zu eng seinerhalten, nachdem wir gesehen haben, daß wir ihn weiter fassenmüssen. Denn wenn z. B. Vogel stein als einer der Jüngstenbehauptet: »Was ist der Merkantilismus ökonomisch anderes alsder Ausdruck dafür, daß die herrschenden Staatsmänner die Ideedes größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolges zu Machtzweckenkonzipiert haben und sie der Mehrheit des Volkes mitzuteilensuchen, die noch anderen Richtlinien in ihrer wirtschaftlichenTätigkeit nachgeht« 12 ), so ist das nicht falsch, aber zu wenig. Wirmüssen den Merkantilismus nicht wie bisher ökonomisch, son-dern politisch orientiert erfassen.

Denn Merkantilismus war vielmehr als reine Wirt-schaftspolitik. Wir sehen diese Bewegung in ganz Europa , inEngland, Frankreich, Spanien, Portugal, den Niederlanden, Italien usw. Sie dringt nur ganz allmählich durch, in dem einen Landeher als in dem anderen, und erreicht ihre Höhe erst von derzweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ab bis zur Mitte des 18. Amspätesten vielleicht hält der merkantilistische Geist in Deutsch-land seinen Einzug von einzelnen Ausnahmen abgesehen,denn es war nicht gelungen, ein geeintes Deutsches Reich zuschaffen. Aber an seine Stelle traten die bedeutenderen Terri-