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nötig sein, eine Grenze zwischen dem Merkantilismus unddem wirtschaftlichen Liberalismus zu errichten. WennRaffel meint, daß es »eine feste Grenze zwischen Merkantilismusund ökonomischen Liberalismus nicht gibt« 18 ), mag er dann rechthaben, wenn er den Ton auf das Wort »fest« legen will, abernur dann, sonst muß sie sich finden lassen. Wir sahen, wie hierwieder hervorgehoben werden soll, das Wesen des Merkantilismusin dem National-Zentralistischen, in dem »Mächtigersein als andere«.Diesem Ideal waren alle wirtschaftlichen Mittel untergeordnet.Wenn aber der eigene Staat der erste sein wollte, mußten ihmkosmopolitische Ideen fremd bleiben. Dann glaubte er seinemZiel durch möglichsten Abschluß nach außen am nächsten zukommen und wollte nichts wissen von einer großen Völker-verbrüderung, von der ein Adam Smith träumte, bei der es einweiser Gott so eingerichtet habe, daß er jedem Lande etwas Be-sonderes verliehen hätte, damit sich so die Völker verbänden. Daswaren liberale Ideen, nicht merkantilistische. Ich will nicht sagen,daß ihre Vertreter weniger national empfanden, aber sie glaubteneben anders ihr Ziel zu erreichen, und dies »anders« bildet dieGrenze. Wenn Raffel darlegt 19 ), wie Vanderlint und MatthewDecker Freihändler sind und doch teilweise wirtschaftlichen An-schauungen huldigen, die wir auch bei den Merkantilisten finden,so kann das nur ein Beweis dafür sein, daß allein die wirt-schaftlichen Meinungen noch nicht genügen, um einen Schrift-steller zum Merkantilisten zu stempeln. So sehen wir in Deckereinmal wirklich einen Autor, der das Geld überschätzt und dieEdelmetalle als das endgültige Objekt des Handels und als Maß-stab für den Reichtum einer Nation ansieht: »The general Measureof the Trade of Europe at present, are Gold and Silver, whichalthough they are sometimes Commodities, yet are the ultimateObjects of Trade; and the more or less of these Metalsa Nation retains, it is denominated Rieh or Poor« 20 ). Dochwerden wir ihn nicht zu den Merkantilisten rechnen, da erdurchaus kosmopolitisch denkt, wenn er sagt: die Natur habe dieeinzelnen Länder verschieden ausgestattet und die Menschen sovereinigt. Auch spricht er sich gegen die Einfuhrverbote undSchutzzölle aus. Sein Ideal ist ähnlich wie das Humes, eineökonomisch prästabilierte Harmonie, und leitet zu Smith hinüber,zum Freihandel. Einen freihändlerischen Merkantilismus aber gibtes nicht, das wäre ein Paradoxon. Daher gilt das, was wir fürdie englischen Schriftsteller konstatierten, auch für alle anderen,
Beiträge zur Geschichte der Nationalökonomie. Heit 2 . 4
Zielenziger, Die alten deutschen Kameralisten.