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Boden, und die französischen Könige verstehen es, die Macht derVasallen allmählich zu brechen. Das Werk Karls VII. (1422—61)setzt Ludwig XI. (1461—83) in großzügiger Weise fort. SeinRegiment wird ein ganz persönliches, und skrupellos geht er gegendie mächtigen Fürsten des Landes vor, in heftigen Kämpfen ver-sucht er die Herzoge von Orleans, Bourbon, Anjou, Alengon, Bur-gund und Bretagne unter seine Botmäßigkeit zu bringen. ErstKarl VIII. (1483—89) und Ludwig XII. (1498—1515) vollendenden Plan und legen den Grund zur unumschränkten Monarchieder französischen Könige. — Dasselbe sehen wir in England :von der Mitte des 15. Jahrhunderts ab toben dort die Kämpfezwischen den Häusern der weißen und roten Rose: York undLancaster. 1461 wird Eduard IV. aus dem Hause York Königund sichert sich seine Herrschaft durch mehrere Siege. Dochwird er 1470 vertrieben, als es ihm aber gelingt, die Herrschaftwieder an sich zu ziehen und die Lancaster abermals zu schlagen,geht er daran, die Macht seines Hauses zu erhöhen. »So ver-schieden die Anlagen und der Charakter Eduards IV. von denenseines französichen Gegners Ludwig XI. und jenen Ferdinands vonAragonien waren, seine Regierung bekundete die gleichen Be-strebungen und hatte ähnliche Erfolge« 6 ). Doch war es keinemAngehörigen der beiden feindlichen Häuser beschieden, Englands Königsthron dauernd zum Sitz aller Macht zu erheben. Das ver-mag erst Heinrich VII., nachdem er den grausamen Richard III. 1485 besiegt hat. — Ein ähnliches Schauspiel zeigt sich uns aufder Pyrenäenhalbinsel. 1474 besteigt Isabella den Thron vonKastilien; sie heiratet Fernando, den Erben von Aragon, und 1479werden beide Reiche vereinigt. Nun gehen sie mit der heiligenHermandad gegen den Adel vor, schaffen mit Hilfe der Inquisi-tion die Kirche für das Königtum um, und als sie die letztenMauren aus Granadas Alhambra vertrieben haben, begründen sieein einheitliches Spanien. — So zeigt sich überall in denbedeutenderen Staaten ein Konsolidierungsproz eß; die Machtder Fürsten erstarkt, es gelingt, einen Einheitsstaat zu schaffen;nur nicht in Italien und Deutschland .
2. Von gewaltigem Einfluß sind die inneren Ereignisse,die die Psyche der neuzeitlichen Menschen erlebte, und die siewandelten. Der Hauptcharakter, der ihnen zugrunde liegt, ist dieBeseitigung des mittelalterlichen Universalismus. Sowie sich im politischen und wirtschaftlichen Leben Sonderungs-momente einstellen, so auch im geistigen und seelischen Gerade