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die Erweiterung des Blicks, die Vergrößerung des Horizonts, dieparallel mit der Ausdehnung der Wirtschaftssphären geht, schafftandererseits neue engere Zusammengehörigkeitsbegriffe. All dasist sehr wesentlich zur Erklärung einer Bewegung so nationalenGehalts wie der des Merkantilismus. Vergessen wir dabei abernicht, daß diese neuen Ideen nicht aus dem Nichts auftauchen,daß es oft sehr lange dauert, bis sie sich durchsetzen, und daherauch die Grenzen sehr flüssig sind, weil die alten Ideale und In-stitutionen nicht sofort von ihrem Platz weichen.
a. Eine Wiedergeburt des europäischen Seelenlebens entfachtedie Reformation: das Feuer, das ein deutscher Mönch entzündet,erhellte die ganze Welt, es gefährdete die Kirche, die Unterwürfigkeitunter ihr Gebot als Bedingung für den Himmelseintritt forderte. Jetztwar die Universalkirche erledigt. Der Papst war nicht mehr derAlleinherrscher über das gesamte christliche Abendland. Heinrich VIII. schuf die englische Kirche, um England unabhängig zu machen,die Niederlande machten sich selbständig und viele andere deutscheStaaten 'sagten sich von ihm frei. »Los von Rom und hinausin die Ferne! so könnte man den Wahlspruch der dama-ligen Zeit zusammenfassen. Ein frischer, fröhlicher Sinnentrieblöste den grübelnden Geist des Mittelalters ab, an Stelle des aske-tischen Prinzips trat das hedonische Prinzip wjeder mit Macht inden Vordergrund« sagt Oncken 7 ) treffend. Es mußte nun aucheine Reformierung der alten Kirche eintreten. Mit Hilfedes Jesuitismus ging man ans Werk. Aus dem TrientinerKonzil erstand die Kirche neugeboren mit Reformen auf allenGebieten. So schufen die religiösen Veränderungen Sonderungen,nicht immer nach ethnographischen Prinzipien.
b. Daneben wirkte der PIumanismus; es stellte sich »dieantike Kultur im Humanismus neben das Christentum« 8 ). Aufklassischem Boden, in Italien zuerst, vertieft man sich in dieSchriften der Alten, lernt Plato und Aristoteles, Cicero und Sallustverstehen, studiert das römische Recht, und mit der antiken Weis-heit erwacht die antike Kunst: der Humanismus neben der Re-naissance. Dadurch angeregt beginnt das wissenschaftlicheDenken, damit die Versuche, eine Weltanschauung zu be-gründen. Der scholastischen Philosophie des Mittelalters, die inder ontologischen Auffassung verharrte, folgen als erste philo-sophische Systeme der Neuzeit die eines Baco und eines Des-cartes. Die Sehnsucht nach Selbsterkenntnis ist es, die den großenfranzösischen Philosophen treibt: der Zweifel ist ihm der Ausgangs-