Druckschrift 
Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
Entstehung
Seite
64
Einzelbild herunterladen
 

64

punkt der Erkenntnis: »de ommibus dubitandum est«, er abersagt mir, daß ich bin: »cogito ergosum!«. So lehrt er die Selbst-gewißheit des »Seins.

c. Von größtem Einfluß auf die Entwicklung merkantilisti-scher Ideen waren die staatsrechtlichen Anschauungendieser Epoche, mit denen wir uns auch noch im III. Teil derArbeit zu beschäftigen haben werden. Mit dem Mittelalter schwan-den die alten Autoritäten, neue Staatsbildungen treten an die Stelleder alten, damit ist Stoff für theoretische Erörterungen gegeben.Ein Staatstheoretiker von fascinierender Kraft ist der FlorentinerNiccolo Machiavelli ; er ist geradezu der Begründer desNationalstaatsgedankens. Der Staat ist ihm das Höchste,für diese Idee erscheinen ihm alle Mittel recht. Wenn man Ma-chiavelli verstehen will, muß man auf die Zeit achten, in der erschrieb und wirkte. Es stand schlimm um das Italien des be-ginnenden 16. Jahrhunderts, das Land war zerrissen, während seineWirtschaftstätigkeit blühte; die einzelnen Städte befehdeten sich,und die Kirche war entsittlicht. Da trat der große Florentinerals Warner auf; es war von großem Einfluß, daß er »so ganz freiist von jedem munizipalen und territorialen Partikularismus undso ganz erfüllt von italienisch-nationalem Patriotismus.« »All seinSehnen und Sinnen für die Zukunft ist Italien zugewandt und nurItalien « 9 ). Die Fremden sollen vertrieben, ein Einheitsstaat her-gestellt werden, den ein mächtiger Monarch mit einem starkenHeere regiert. Diesem Fürsten erlaubt er alle Wege. Den letztenund höchsten Aufgaben des Staates hat alles zu gehorchen, auchdie Wirtschaftspolitik. Man hat Machiavelli wegen dieses starrenNationalismus, den er vertritt, als unmoralisch ansehen wollen,ohne zu bedenken, für was er kämpfte. Wie recht hat Macaulay,wenn er sagt: »Die Nachwelt, dieses hohe Tribunal letzter Instanz,das unermüdlich ist in der Anpreisung seiner eigenen Gerechtig-keit und Arbeitskraft, verfährt bei solchen Gelegenheiten wie einrömischer Diktator nach einem allgemeinen Aufruhr. Da die Zahlder Missetäter zu groß ist, um alle bestrafen zu können, werdenaufs Geratewohl einige aus der Menge herausgegriffen, um alleindie ganze Schuld eines Vergehens zu büßen« 10 ). Denn Machiavelli habe nur allgemein gültige Grundsätze angenommen und schärferbetont. Machiavelli ist eben Opportunist und paßt die Handlungen,die er fordert, dem Bedarf der Situation an. Wenn später deutscheMerkantilisten zur Einigkeit mahnten und zum Kampf gegen dasJoch der Fremden, dann haben sie ein Vorbild in Machiavellis