Fünftes Kapitel.
Die deutschen Verhältnisse zu Beginn der Neuzeit als Vor-bedingung des Auftretens der alten deutschen Kameralisten.
i. a. Es bleibt nun zu untersuchen, wie sich die deutschen Verhältnisse gestalteten: erst so können wir das Auftreten derKameralisten erklären. Wie aber sah es in Deutschland aus?Hier war es nicht gelungen, einen Einheitsstaat zu schaffen.Die Macht der Kaiser war vom Ausgang des 14. Jahrhundertsan immer mehr gesunken, die Goldene Bulle 1357 war der ersteSchritt zur Selbständigwerdung der Territorien. Im 15. Jahr-hundert entstehen neue Erbfürstentümer, die Hohenzollern werdenmit der Mark belehnt, die anderen Kurfürsten vergrößern ihr Ge-biet meist auf Kosten des Reichs und der Kaisermacht. WährendFrankreich und England, Spanien, Ungarn und Polen erwachenund die Könige dort Fürsten und Adel beugen, gelingt dies inDeutschland nicht. »In den Zeiten, in welchen alle Monarchienin Europa sich konsolidierten, ward der Kaiser aus seinem Erb-land verjagt und zog als ein Flüchtling im Reich umher« 1 ); eswar Friedrich III., im Lande aber herrschte bittere Fehde.
Da die Fürsten selbst noch eine Einigung wünschten, er-hofften sie alles von seinem Sohn, Maximilian I. Doch nichtmit Unrecht hat ihm die Geschichte den Namen des »letztenRitters« gegeben. Er war der letzte deutsche Kaiser, denn nachihm kam die neue Zeit. So stand er mit einem Fuß an derSchwelle des kommenden Zeitalters, aber auch ihm gelang esnicht, ein großes starkes Deutschland zu schaffen, wenn auch Ver-suche genug gewagt wurden. Das Scheitern der Einigung lagzum größten Teil an ihm selbst, auch kamen diese Versuche wohlzu spät. Man beschließt die Errichtung des Reichskammergerichtsund des Gemeinen Pfennigs: diese Kopf- und Vermögenssteuersollte jeden im Reich treffen, denn »alle Deutsche wurden nocheinmal sehr ernstlich als Reichsuntertanen betrachtet« 2 ). Aber dieDurchführung der Pläne stieß auf große Schwierigkeiten, vor