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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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hatten ihr zu gehorchen, nun aber begann der Westen sich loszu-sagen, der Stahlhof in London wurde geschlossen, und je selb-ständiger die Niederlande wurden, desto unabhängiger auch vonder Hansa. Im Gegenteil: jetzt dringen holländische Kaufleute inDeutschland ein, denen Engländer folgen, und die Rheinmündung,die erst den Spaniern gehörte, wird von den Holländern in Besitzgenommen. Zwar blühte der Handel in Süddeutschlandnoch im Anfang des 16. Jahrhunderts; wenn auch der Seewegnach Indien und Amerika Lissabon zum ersten Handelshafenmachte, so blieb für die Deutschen die alte Handelsstraße überItalien und Kleinasien noch wichtig genug, Venedig und Genua blieben seine Häfen. Es gelang auch dem deutschen Unterneh-mungsgeist, nach Spanien und Portugal zu kommen und so amüberseeischen Handel teilzunehmen, aber dies war doch ein Handelzweiter Hand. Viele im Mittelalter bedeutende Städte Ober-deutschlands versuchen es nicht einmal, sich den neuen Verhält-nissen anzupassen. Das Deutsche Reich mußte sich in Resignationin sein Schicksal fügen. Nürnberg und Augsburg blühten zwarnoch immer, die Fugger und Welser gehörten zu den mäch-tigsten Kaufleuten der Welt, ihre Flaggen wehten auf allenMeeren und verliehen den Städten großen Glanz; und währenddie Hansa verfiel, erhoben sich Danzig und Hamburg im Nordenzu neuer Macht. So zeigen sich doch auch in Deutschland dieschönsten Ansätze einer Teilnahme am Welthandel, aber es warniemand fähig, sie fortzubilden. Am wenigsten »verstand es dieReichsgewalt, die im 16. Jahrhundert ausschließlich beschäftigtwar, den kirchlichen Frieden aufrecht zu erhalten, im 17. nurnoch der österreichisch-katholischen Hauspolitik diente, für diegroßen Aufgaben einer wirtschaftlichen Zusammenfassung desReiches, die eben jetzt hätte beginnen müssen, handelnd einzu-greifen« 4 ). Dazu kommen nun auch die Nackenschläge von außen:Philipp II. sperrte Lissabon nach Eroberung Portugals dem aus-wärtigen Handel, Antwerpen und Amsterdam rücken an seineStelle: die Niederlande und England werden nun die Handels-mächte der Welt. Deutschlands erstes Handelshaus, das derFugger, geht an »Schuldnerempörung« zugrunde, es fehlt an derbewaffneten Macht, die das deutsche Kapital im Ausland schützt.Auch der italienische Handel verliert an Selbständigkeit, und da-mit sind nun die Deutschen überall ausgeschlossen; sie waren nurauf sich angewiesen, »ein Zustand der kommerziellen Vereisunggleichsam trat in den deutschen Ländern ein« 6 ).