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keit seiner Einführung. Dazu kam, daß die Kaiser die Traditionaufrecht erhielten, als ob sie Nachfolger der römischen Impera-toren wären, ferner daß das Reichskammergericht sich früh desrömischen Rechts wegen der Zersplitterung des deutschen be-diente. Wo Kodifikationen vorgenommen wurden, nahm man sienach dem corpus iuris in Angriff, da man damit ein gleichmäßigesRecht gewann. Von einem »zwingenden Zusammenhang zwischenden wirtschaftlichen Verhältnissen und der Rezeption« könne aberkeine Rede sein, betont B e 1 o w. Sonst hätten es doch die Städte zuerstergreifen müssen. Auch hier war die Grundursache dieselbe wie da-mals überall im Deutschen Reich: »Auf die Schwäche der Zentral-gewalt ist in letzter Linie die Rezeption zurückzuführen« 11 ).
3. a. Wir haben also auch für Deutschland drei geistigeVeränderungen zu unterscheiden: den Humanismus, die Re-formation und die Rezeption des römischen Rechts, undwir werden sehen, von welchem Einfluß sie neben den wirtschaft-lichen und politischen Verhältnissen für die Entstehung einesdeutschen Merkantilismus waren; doch nicht nur sie, auchdie politische und wirtschaftliche Lage war für ihn vongrößter Bedeutung: und dieses 16. Jahrhundert der Neugestal-tungen zeitigt auch in Deutschland die ersten Ansätze, von derStadt- zur Volkswirtschaft überzugehen. »Die Ausbildung derVolkswirtschaft ist im wesentlichen eine Frucht der politischenZentralisation, welche gegen Ende des Mittelalters mit der Ent-stehung territorialer Staatsgebilde beginnt. . . Die Zusammenfassungder wirtschaftlichen Kräfte geht Hand in Hand mit der Beugungder politischen Sonderinteressen unter die höheren Zwecke der Ge-samtheit,« sagt Bücher 12 ). Während es aber den anderen Staatengelingt, sich national zu einigen, ist das deutsche Reich dazu nichtimstande, diese Aufgabe bleibt nun den Territorien überlassen,die versuchen müssen, sich zu geschlossenen Staaten herauszubilden,was sie erst im 17. und 18. Jahrhundert erreichen. Das war dastragische Geschick, daß die große Bewegung, die Europa erfüllte,der Merkantilismus, durch den die Staaten sich hoben und nuran ihrem eigenen Gedeihen arbeiteten, in Deutschland sichgleichsam einengen mußte, daß sie hier zum Partikularismuswurde, weil diese Staaten dem Namen nach noch einen Kaiser übersich hatten. Aber vielleicht war es auch wieder ein Glück: dennso ward hier im kleinen geleistet, was dort im großen geschaffenwurde. Wer wollte leugnen, daß es derselbe Geist war? Nurdauerte es sehr lange, bis es soweit kam.