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Das 16. Jahrhundert gehörte noch sehr der politischenFestigung der Territorien an: nur mit Mühe wurde der Adelvon den Fürsten bezwungen, und fast noch schwerer war es fürsie, die Städte unter ihre Macht zu beugen. Das ganze Mittel-alter hindurch waren die Städte die Zentren der Wirtschaftspolitikgewesen, sie beherrschten das Land, in ihnen blühten Handel undGewerbe; das aber hatte sie stark und unabhängig gemacht. Nunversuchten die Landesherren ihre Unabhängigkeit zu beseitigenund sie ihren Befehlen gefügig zu machen. »Das Neue dieserZeit besteht im wesentlichen nur darin, daß zu der Tätigkeit derStädte die Wahrnehmung ihrer Interessen durch die Landes-herren in steigendem Maße hinzutritt« 13 ), meint Below, dastrifft den Kern aber nicht, denn wollen die Fürsten wirklichHerren in ihrem eigenen Lande werden, dann müssen auch dieInteressen der Städte unter die Interessen des Ganzen unter-geordnet werden, das gelingt freilich erst im 17. und 18. Jahr-hundert. Die Formen nahm man in der Zeit des Übergangs nochvon den Städten: »die territorialen Einrichtungen werden jetztebenso zur Hauptsache wie früher die städtischen, und sie gravi-tieren, wie diese, nach einem gewissen Mittelpunkt, suchen dieKräfte nach außen abzuschließen, nach innen harmonisch zu ver-söhnen und ineinander zu fügen« 14 ). Die Aufgaben der Städtewie auch der Kirche mußten Staat und Fürst übernehmen. DieserÜbergang von der Stadt- zur Volkswirtschaft war einfachein Muß, das die politische und wirtschaftliche Lage Deutschlands von den Fürsten forderte, denn wenn sich auch im Volke oftStimmungen und Anfänge zu Einigungen zeigten, die Fürsten waren es, die die Initiative ergriffen.
Der gewaltige Einfluß, den die neuen Ideen des Humanismusund der Reformation ausübten, mußte sich auch bei den Fürsten bemerkbar machen. Die Pflege der Bildung an den Höfen stieg,und so blieben dort die antiken Staatsauffassungen nicht unbekannt.Der Fürst sollte für seinen hohen Beruf erzogen werden, so for-derte Melchior von Osse: »Einem Herrn zu christlicher glück-seliger Regierung ist vonnöten, daß er für sich selbst ein ver-ständiger Mann sei und alle Gelegenheit mit seiner Regierungund Lande erkunde, damit er, was jeden Falls zu tun, selbst wissenmöge und nicht alle Wege mit fremden Augen sehen und leidendürfe, daß er wie ein Bär oder ander unvernünftig Tier von andernund von denen geleitet und regiert werde, die allein was für sieund nicht, was dem Herrn oder gemeinen Nutz zuträglich ist, be-