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die Obirkeit mehr sorge habe / wie die Unterthanen / in guthemstathafftigem tugentlichem und ehrlichem wesen mögen erhalten/ dann für jchts anders« 32 ). So oder ähnlich denken auch die anderenKameralisten, und gerade Schröder, der als typischer Privatökonomgilt, soll für diese Auffassung sprechen — gleichzeitig wieder zumBeweise seiner starken Inkonsequenz: »Verflucht sey der / welchervorsetzlich das interesse eines Fürsten vom interesse der unter-thanen scheidet / dieweil dieser beyder interesse nicht / als zugleichwohl bestehen können«. Man muß wissen: »Daß die Wohlfahrtund Wohlstand der unterthanen das fundament seye, worauff alleglückseligkeit eines Fürsten als Regenten solcher unterthanen ge-gründet sey« 33 ). In demselben Sinne sagt er: Wenn ein Fürstviel Geld von seinen Untertanen nimmt und in den Kasten schließt,sei das unrecht, denn dadurch würde das Land, das auch aus-ländische Produkte bezahlen müsse, ärmer, »dann obgleich derFürst alles solches Geld im Kasten liegen hat, ... so kan erdoch kein reicher Fürst genennet werden . . . ein Fürst ist als-dann reich zu schätzen / wenn er reiche unterthanen hat« 34 ). DiesesNebeneinander von volks- und privatwirtschaftlichen Mo-menten ist es ja gerade, was den alten deutschen Kameralisteneignet, was ihnen den Reiz verleiht. Es ist ein Ringen in ihrerSeele, und in der Melodie von eigenartig deutschem Klang, dersie folgen, ertönen die verschiedensten Akkorde.
Dieses Zusammenklingen der beiden Momente ergab keineDissonanz, das sehen wir, wenn wir die damaligen Verhältnisseund die Stellung der Kameralisten berücksichtigen. Der Fürstwar der Herr, sie seine Diener; das Gottesgnadentum war inaller Schärfe ausgeprägt. Wie könnte sonst ein Schröder sagen:»Denn das ist das recht des Fürsten / welches der prophet Davidim andern Psalm am Reich Christi beschreibet / wenn er saget: Erhat dir die heyden zum erbe gegeben / und der weit ende zumeigenthum / woher zu sehen, daß das privilegium Regium ein iushaereditarium« 35 ). Die Kameralisten waren Beamte, und die Herren,denen sie folgten, waren ihre Brotgeber: kein Wunder, daß ihnenderen Interesse sehr am Herzen lag. So erklären sich auch dieVorschläge für die Verbesserung der Verwaltung, wie sie sichbesonders bei Seckendorff finden. Weit wichtiger aber ist derUmstand, daß man früher nicht zwischen Volks- und Privat-wirtschaft trennte und trennen konnte. »Das Finanzwesen desmittelalterlichen Patriarchalstaats und noch des Staats in der Über-gangszeit zum modernen Staatsleben . . . charakterisiert sich durch