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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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Ähnlichkeiten, hat man doch auch in diesem den Adam Smith , injenem den John Stuart Mill der Bewegung sehen wollen 51 ). DerUnterschied muß sich aber finden lassen: er liegt darin, daß jetztmit dem neuen Jahrhundert wissenschaftliche Momente auftauchen,und die Wirtschaft als solche Problem des Beschauers wird.Man geht von der empirischen zur kausalen Betrachtungs-weise über, indem man sich die gesamte Volkswirtschaft zum Zielder Forschung setzt, um nach ihrer Beschaffenheit, aber auch ihrenGründen zu fragen. Man ist noch viel zu sehr merkantilistischgesinnt, um damit nicht sofort Vorschläge zu verbinden. Das Sollfolgt auf der Stelle dem Sein. Wir könnten also nach unseremstrengen Kriterium der Wissenschaft auch diese Periode für un-wissenschaftlich erklären, aber sind wir nicht erst heute dabei, hierdie nötige Trennung zu schaffen? Können wir also das, was wirjetzt mühsam erstreben, schon damals verlangen? Genug, daß manbeginnt, die Dinge um ihrer selbst willen zu betrachten. Damitist diese neue Disziplin für die Universitäten reif geworden.

Neben der wissenschaftlichen bleibt die Kunstlehre bestehen;die Lehrstühle, die man errichtet, sollen auch einen praktischenZweck haben. Zu dem großen Ideenkomplex, in den man einzu-dringen beginnt, den man gleichsam ahnt, gehören rein technischeLehren, wie die Haushaltungskunst und die Privatwirtschafts-lehre, die wir gut zu unterscheiden haben von der modernenwissenschaftlichen, die als Teildisziplin im Reiche der Sozial-ökonomik die »Betätigung privater Wirtschaftssubjekte, unter demGesichtspunkte der Interessen dieser Privatwirtschaften, gesondertnach ihren einzelnen Typen« erforschen will, die den homo oecono-micus konkretisiert 52 )*). So weit war man damals noch nicht. Da

*) Die wissenschaftliche Privatwirtschaftslehre ist in jüngster Zeit indurchaus neuer Weise von Weyermann und Schönitz in ihrem gemeinsamen Buch(Karlsruhe , 1912) behandelt worden. Sie glauben im Bereich der gesamten National-ökonomie diese Lehre als Teildisziplin aussondern zu können. Daß in einer privat-wirtschaftlich-wissenschaftlichen Betrachtung ein berechtigter Kern steckt, wird nicht ab-zuleugnen sein, nur fragt es sich, ob es dazu einer besonderen Disziplin bedarf. Wie-weit läßt sich denn überhaupt die Einzelzelle aus dem Gesamtorganismus herauslösen,d. h. wie weit werden wir wirklich die erforderlichen Idealtypen klar herausarbeitenkönnen? Gerade daß diese Idealtypen »historisch und lokal bedingt« (a. a. O. S. 3")sind, zeigt den Einfluß des Ganzen. Wenn ich den Schwarzwälder und den ost-preußischen Bauer als Arttypen (S. 36) betrachten will, so sind diese Typen doch letztenGrundes nicht privatwirtschaftlich differenziert; die Gründe der Verschiedenheit sinddoch in anderen Momenten zu suchen. Das sind nur einige der Bedenken gegen eine be-sondere wissenschaftliche Privatwirtschaftslehre. Aber die Verfasser wollten ja haupt-sächlich anregen, das haben sie erreicht und eine Fülle von Literatur hervorgerufen.(Darüber vgl. die Bemerkungen im Anhang).